Freiheit ? Ist selbstbestimmtes Lernen permanente Ekstase ?

´“Freies“ UniExperiment München und Freising´

„Frei“ – was erhoffen wir uns davon ?
Was ist, wenn wir „frei“ sind ?

„Frei“ wovon ? 😉

Unten ein kurzer Text, in dem auch „Erleuchtung“ und „spirituell“ drin vorkommen. Ich hoffe, das ist nicht zu abschreckend ;-).

Oft wird ja gesagt:

„Ja, wenn man nur macht, was man will, wenn man nur lernt und studiert, was man will, dann können einem doch wesentliche Lektionen entgehen, eben die, die einen halt nicht gleich auf den ersten Blick hin anziehen. Wenn man immer nur macht, was man will: wo kommt man da hin – zur Erkenntnis ? Zu welcher ?“

Ich kann mir vorstellen, dass hinter solchen Formulierungen eine Verwechslung stecken könnte. Selbstbestimmt Lernen heißt für mich nicht: nur der Lust und momentanen Erfüllung hinterherjagen. Selbstbestimmt Lernen heißt für mich auch: den eigenen Fragen folgen. Auf diesem Pfad lauern meiner Erfahrung nach beileibe nicht nur nette Glücksmomente. Es warten genauso schwierige Erfahrungen, anstrengende Etappen, wie vielleicht beim Anstieg auf einen Berg, für dessen Gipfel ich mich entschieden habe.

Gibt es einen Aufstieg ohne Abstieg ?
Wie lautet das nächste Ziel, wenn ich auf dem Berggipfel stehe ?

Vielleicht ist es im selbstbestimmten Lernprozess nur die Illusion eines selbstbestimmten Zieles, die mühsam, gerade noch so eben vom Mäntelchen der „Freiheit“ bedeckt werden kann.

Was lauert unter diesem Mäntelchen ?
Was wartet auf dem Weg zu meinem selbstbestimmten Ziel auf mich ?

Ich weiß es nicht ! „Gott“ sei Dank ! 😉

Auch finde ich es für mich immer wieder wichtig im selbstbestimmten StudienProzess immer wieder auch die Frage zu hören, wer oder was dieses „Selbst“ denn sei ?!

´Beobachten´ heißt da meine Devise.
Dabei hilft mir auch der Dialog, die gemeinsame Reflexion im UniExperiment.

Übungshalber ersetze ich „Erleuchtung“ und „spirituell“ im folgenden kurzen Text gerne auch mal durch „selbstbestimmt Lernen“, außer in der viertletzten Zeile.

(Text v. Tomas Langhorst)

Text v. Jed Mc Kenna, Iowa:

–>“GLÜCKSELIGKEIT & EKSTASE = ERLEUCHTUNG?

Glaubt ihr denn im Ernst, Erleuchtung sei so etwas wie ein endloser Orgasmus?

Pausenlos high sein? Der Himmel auf Erden? Keine Probleme mehr, keine Sorgen? Nur dasitzen und die ganze Zeit HAPPY sein?

Hört sich das nicht ein bisschen, wie soll ich sagen, ein bisschen billig an? So, als wären wir alle nur hier, um es zum großen Zudröhnen zu bringen?

Erleuchtung ist keine Gipfelerfahrung. Kein Märchen mit Happy End. Erleuchtung – das heißt Aufwachen. Nicht mehr und nicht weniger. Glückseligkeit ist nur der alte Himmelsmythos, neu verpackt für ein hippes Publikum – der Himmel auf Erden, der Himmel hier und jetzt.

Pfeift auf die Glückseligkeit. Glückseligkeit ist was für Kinder. Glückseligkeit ist was für Touristen, für Trottel.

Wie konnte ein so lächerlicher Gedanke überhaupt nur in eure Köpfe dringen? Diese Frage sollte euch echt ernüchtern. Wenn eine derart bizarre Vorstellung in eurem Denken derart fest verwurzelt ist, was mag da sonst noch alles drinstecken? Wenn eure Überzeugungen nicht euch selbst gehören, wem gehören sie dann?

Wer seid IHR. Ihr müsst eure ganzen übernommenen Thesen mal einer genauen Prüfung unterziehen, und glaubt mir, nur einen kleinen Bruchteil davon werdet ihr auf Anhieb erkennen. Jeder unangezweifelte Glaube kann euch einengen und den Kurs eures Lebens bestimmen.

Vielleicht ist das ja der einzige Grund, warum ihre euch auf dieser spirituellen Schiene befindet: weil ihr den unangefochtenen Glauben hegt, am Ende dieses Pfades warte die Verzückung auf euch!

Vielleicht wollt ihr dort, wo der Pfad tatsächlich hinführt, gar nicht ankommen? Vielleicht ist es nur das Märchen, das euch reizt? Ich würde meinen, dass dies auf gut fünfundneunzig Prozent aller spirituell Suchenden der westlichen Welt zutrifft.

Denkt selber darüber nach. Dies ist die Goldene Regel. Denkt selber darüber nach. Macht diese Regel zu eurem Mantra. Lasst sie euch auf die Innenseiten eurer Augenlider tätowieren.“<–

Zit. v. Jed Mc Kenna – Iowa

2.7.: UniExperiment goes economics !

Mischa Khotyakov, St. Petersburg & Munich,

berichtet von seiner Lektüre von Friedrich v. Hayeks „Road to Serfdom“,
mit anschließendem Austausch.

Mischa:
First published in 1944,
´The Road to Serfdom´ by Friedrich von Hayek
made a revolutionary case arguing that the socialist ideas inevitably lead to totalitarianism once put into practice for a longer period of time. This fact, though already known and understood by some people, was not only not widely accepted, but seemed almost heretic in the world destroyed by economic crises and war and seeking salvation in the wise planning of the state.
Today the question of socialism as understood in the first half of the twentieth century – namely state property on the means of production and central planning – does not arise in the Western societies. But it is not an exaggeration to say that the mixed economic system we live in is the product of intellectual work widely influenced by the Hayek’s book.

We will step by step go the book through discussing the main arguments, talking about individualism, competition, morals, security and above all about freedom. The talk will last about 75 minutes and will be given in German.“

Mihal Khotyakov
studied economics and mathematics in St.Petersburg and Munich. He is interested in general economics questions.

Wir treffen uns um 11:00 im Offenen BildungsRaum im UniExperiment im SelbstHilfeZentrum in der Westendstr. 68 im Münchener Westend. Herzlich willkommen !
Mischas Vortrag beginnt um 11:30 und dauert bis ca. 12:45.
Danach ist ein Austausch zum Thema geplant bis ca. 13:30.

Ab 13:30 setzen wir den Offenen BildungsRaum in gewohnter Form fort:
Die unmittalbaren Impulse und Bedürfnisse aller Anwesenden gestalten unseren gemeinsamen BildungsProzess im Zusammensein.

Was passiert eigentlich, wenn ich eine Erkenntnis habe? – Phänomenologie-Seminar

== Weitere Infos zu Diemut hier (link) ==

Vom 1. bis 6. Januar waren Alia, Lukas ,Moritz ,Martin, Camilla und ich, Diemut,  eine Woche in der Kooperative Dürnau zu einem Phänomenologie – Seminar.  Erstmal haben wir uns den Ursprung und die Grundlage  dieses wissenschaftlichen Erkenntniswegs angeschaut und sind auf Goethe ,Hegel und Fichte zu sprechen gekommen. Es war allein schon spannend, den scheinbaren Widerspruch zwischen Goethe und Hegel – stellt man nun eine Theorie auf oder nicht und beobachtet ?- zu überwinden, wie sie jeweils Bedingungen für ein phänomenologisches Vorgehen auf dem Erkenntnisweg vorschreiben.

Doch heiß her ging es dann so richtig, wie wir zu den Weltgesetzen und Denkgesetzen vorstießen: Gibt es diese? Das hatten wir bald mit Ja beantwortet, doch: Wie stimmen diese miteinander überein? Wie weit greift das Denkgesetz-Die Logik- und wann nicht mehr? Aber vor allem: Wie funktioniert eigentlich Erkenntnis? Was passiert da in uns?.

Weiter ging es mit dem Versuch, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt aufzulösen, dabei aber scharf aufzupassen, dass wir dadurch Subjekt und Objekt nicht als Ein und Dasselbe erklären. Dann erst kann ich phänomenologisch untersuchen und nach Goethe „In den Dingen denken“.  Das war nicht gerade gemütliches schwätzen! (:

Aber auch die Frage nach der Vorstellung und dem Bewusstsein wollte angeschaut werden: Woher kommen eigentlich die Begriffe zu  unserer Vorstellung?  Was  sind Begriffe – Das Wesen des Phänomens!?  Ja die Phantasie… die ist ganz wichtig auszubilden für jegliche Vorstellungskraft, die über Erinnerungen hinausgehen soll. Wir machten einen Versuch zum Vorstellungsvermögen und stellten fest, dass z.B. ein dreidimensionales Konstruieren eines Bildes, in dem ich mich dann selbst noch (NICHT aus der Vogelperspektive) bewegen sollte, nicht möglich war. Das bedeutet aber ,dass wir gar keine direkte, präzise Abbildung der äußeren Sinnenwelt haben, sondern in uns konstruieren. Sonst müsste unser Bild ja auch ständig wackeln, wenn wir blinzeln. Ein weiteres Beispiel ließ uns zu denken geben:  2 Weltraumfahrer beobachteten aus dem All, wie große Container auf der Erde in einer Stadt verschoben wurden. Als sie das ihrer Station und den Wissenschaftlern durchgaben, errechneten diese, dass dies unter gar keinen Umständen möglich sei von dem errechneten Sehvermögens der Augen her, da die Strecke zu weit war. – Die Astronauten sahen die Container trotzdem und beschrieben, wie sie gerade verstellt wurden. –   Das bedeutet doch, dass unser wirkliches Sehvermögen gar nicht mit dem errechenbaren biologischen Aufbau unserer Augen zusammenhängt und dem ersten Beispiel zufolge auch gar nicht darauf ausgerichtet ist, nur genau wiederzugeben, was wir wahrnehmen. Das fanden wir sehr spannend und vorallem die daraus resultierende Frage: Woher haben wir dann das ruhige, präzise Bild unserer Außenwelt ?.

Angefangen mit dem Bewusstsein, wurde auch der Wille anfänglich untersucht:  In Zusammenhang mit der Handlung geht die Allgemeinheit oft davon aus, dass die Handlung vom Willen abhängt. Doch nun, ohne zu bestreiten, dass es vielleicht einen freien Willen gibt, macht Rolf, unser Seminarleiter, uns darauf aufmerksam, dass viele Handlungen auch gegen meine Willen oder völlig unabhängig von MEINEM Willen geschehen. So z.B. kann ich noch  so sehr nach Köln wollen, wenn Andere den Bus, die Bahn, das Auto nicht bereitstellen und mich zu Fuß unterwegs Wölfe fressen. Es deutet viel mehr darauf hin, dass der Einzelne von dem Willen ANDERER  abhängig und auf diese  angewiesen ist. Phänomenologisch ist jetzt nicht die Frage interessant, wo, wie und ob es jetzt tatsächlich einen Freien Willen gibt, sondern die Beobachtung, dass der Wille auf jeden Fall von vielen Determinanten, die auch nicht nur bei dem Einzelnen selbst liegen, belegt ist und daher viel wichtiger ist, wie  ich diese Determinanten verringere und  trotzdem zu meinem Ziel komme. Also nicht nach Norwegen gehen ,wenn ich heißen Sommerurlaub will, sondern vielleicht eher nach Spanien. (:

Was ich auf jeden Fall mitnehme aus dem Seminar, ist die genaue Unterscheidung der Phänomenologen: Sie gehen nicht schon mit einer bestimmten Frage, und schon gar nicht mit einer Theorie in die Untersuchung, da dann  schon ein determiniertes Ergebnis herauskommen muss, sondern sie gehen ganz von dem zu untersuchenden Phänomen aus. Es ist die Enthaltung zu denken, während sie beobachten und umgekehrt sich nicht ablenken zu lassen, wenn sie denken. Neu für mich war, die „Weil-und Warum“-Frage nicht mehr zu untersuchen, da ich einsehen musste, dass diese immer eine Glaubensfrage ist (ob nun die Wissenschaft nach vielen Erklärungen mit dem „Zufall“ als Begründung kommt, wo sie nicht mehr weiter weiß, oder ob Rolfs  Oma gleich behauptet „das Christkindl backt“ bei der Frage wie Wind entsteht, ist im Grunde dasselbe Phänomen, das wir nicht mehr begreifen, nur anders beschrieben.).

von Diemut

Studienfragen von Theresa Anne Panny (11.4.2014)

Ich möchte, dass alle Menschen die Möglichkeit und Anregung erhalten, sich selbst und die Welt bewusst und kreativ zu sehen.

Ich möchte in meinem Leben Wege finden, unser erstarrtes Bildungswesen für das Experiment und ein vielfältiges Nebeneinander verschiedener Bildungsformen zu öffnen.

Ich habe eine Vision eines lebendigen Bildungsorganismus.
Diese möchte ich im Kontakt mit vielen Menschen weiterentwickeln und Wirklichkeit werden lassen.

Mein freies Studium beinhaltet folgende Fragen:

1. Wie stellen sich Menschen ein Bildungswesen vor, in dem sie zu ihrer Selbstwirksamkeit finden ?

2. Wie können wir verschiedenen Bildungsströmungen unsere Energie einen, um zu einer Bildungsbewegung zu werden, die die Menschen wachrüttelt?
.
3. Wie werde ich zu einer integren, inspirierenden Person ?

Wenn mir jemand Gedanken oder Gefühle dazu schreiben möchte, freue ich mich sehr:
UniExperiment@posteo.de

 

 

Bunte Erfahrungen aus der Demokratischen Schule X (Berlin)

Mit gerade einmal einer Woche Abstand, habe ich im Dezember 2013 nach der Freien Aktiven Schule Frankfurt , die nächste alternative Schule besucht. Die Demokratische Schule X orientiert sich vor allem am Modell der Sudbury-Schulen und ist damit eine von drei solcher Schulen in Deutschland. Vor drei Jahren wurde sie erst gegründet und ist noch relativ klein. Auf 24 Schüler kommen 8 Lernbegleiter, die sich vier Stellen teilen. Das Schulmodell basiert auf zwei Säulen:
Die eine ist die individuelle Lernfreiheit des einzelnen, was bedeutet, dass die Schüler freiwillig entscheiden, was sie machen wollen. Die andere ist das Demokratieprinzip. Zwei mal die Woche gibt es eine Schulversammlung, in der alle Entscheidungen, die  alle betreffen (z.B. Regeln vereinbaren) demokratisch getroffen werden. Jeder hat dabei eine Stimme, egal ob Erwachsener oder Schüler. Die Schüler haben pro Woche eine Anwesenheitspflicht von 25 Stunden, die sie sich selbst einteilen können. Die DSX ist in zwei Stockwerken eines großen Hauses, wobei die recht überschaubaren Räume von der Atmosphäre her eher an Wohn-, als an Schulräume erinnern. Neben einem großen Gemeinschaftsraum gibt es einen Musikraum, einen Werkstatt- und Bastelraum, einen Toberaum, eine Bibliothek, eine Küche und einen Naturwissenschaftsraum.

Da es die Schule erst seit drei Jahren gibt, waren fast alle Schüler vorher auf anderen Schulen, was bei einigen eine krasse Umstellung bedeutet hat oder bedeutet. Manche haben schlechte Erfahrungen in Regelschulen gemacht und dadurch eine teilweise blockierende, ablehnende Haltung erlangt, die sie erst einmal überwinden müssen. So habe ich es zumindest erlebt.
Das lag zum Teil auch bestimmt am Alter, weil es  vor allem die 13 und 14 jährigen waren, aber viele waren eben etwas trotzig und ablehnend gegenüber dem meisten, was unterichtsmässig war. Sie haben die Unterichtsangebote zwar irgendwie doch besucht, aber ich hatte das Gefühl, dass das für sie eher “uncool” war. Da kam dann manchmal ein Handy aus der Tasche, oder die Brotbox.
Es gibt einen Wochenplan, der relativ voll ist, mit Terminen und Angeboten:
SAM_2039SAM_2041
Montag                  Dienstag                   Mittwoch                      Donnerstag                Freitag

Die klassischen Unterrichtsangebote hatten relativen Schulcharakter. Da die älteren Schüler den MSA (Mittelstufenabschluss in Berlin) anstreben, haben die Lehrer meist Inhalte des Lehrplans gewählt und an diesem Punkt geht das Lernen streng genommen nicht vom Interesse des Einzelnen aus. Zwar waren es nur sehr kleine Gruppen, so dass die Erwachsenen sehr individuell auf die Schüler eingehen konnten, doch es ging eben um vorgegebene Lerninhalte. Mein Erleben der Haltung der Schüler war weniger von Begeisterung, als vielmehr von “eigentlich will ich das ja schon” geprägt. Ich hatte den Eindruck, dass die Schüler auf jeden Fall an den Angeboten teilnehmen wollten, allerdings nicht aus Spass an der Sache, sondern eher, um eben den Abschluss zu schaffen.

Neben den Angeboten verbrachten die Schülerinnen und Schüler ihre Zeit vor allem mit Gesellschaftsspielen, musizieren, unterhalten, toben, einkaufen gehen, Sport machen und mit ihren Handys und PCs. Der Medienkonsum hatte dabei nicht gerade ein geringes Ausmass. Ständig wurden Videos geschaut, wurde gechattet, wurden Spiele gespielt. Oft sassen mehrere Schüler gleichzeitig vor einem Handy oder Computer und manche verbrachten wirklich Stunden damit. Ich hatte das Gefühl, dass sie der Verlockung nicht wiederstehen konnten und von ihren Geräten wie gebannt waren. Wenn sie dann mal zu etwas wie einem Spiel begeistert wurden, schienen sie deutlich mehr Freude zu haben!
Was wirklich toll zu beobachten war, war wie Schülerinnen und Schüler auch altersübergreifend miteinander kommunizierten und spielten!
Nachmittags sind wir ein paar Male nach draussen gegangen um Baseball oder Fussball zu spielen. Ein paar Schülerinnen und Schüler waren viel mit Musik machen beschäftigt, im Kunstraum war auch meistens jemand am Basteln und Werkeln und vor allem der Toberaum wurde fleissig genutzt. Hier wurde täglich geturnt, getobt, mit Kissen gekämpft und gespielt. Ein paar Male kam eine Mutter, die mit Schülern bastelte und Plätzchen backte.

Das Demokratieprinzip
Wenn Beschwerden vorhanden sind, findet jeden Tag eine Rechtsversammlung statt. Dabei ist ein Erwachsener anwesend, der die Versammlung leitet und alles am Laptop protokolliert. Außerdem sind noch ca. drei der älteren Schüler, die von der Schulversammlung als Richter gewählt wurden und die von den Beschwerden Betroffenen anwesend. Die Idee dahinter ist, das wenn jemand eine Regel verletzt, ein anderer, der das gesehen hat, einen Beschwerdezettel schreibt und dass diese Beschwerde dann am nächsten Tag behandelt wird. Entschieden, ob die oder derjenige eine Regel verletzt hat und was das für eine Konsequenz hat, wird per Abstimmung. Und dabei sind alle gleichberechtigt, Erwachsene wie Schüler. Die Rechtsversammlungen, die ich erlebt habe, waren sehr zäh. Oft haben Schüler jede Schuld von sich gewiesen, und so wiedersprüchliche Aussagen gemacht. Das hat meistens dazu geführt, dass sich die Schüler gegenseitig noch weniger verstanden, und die Fronten sich verhärtet haben. Die anderen anwesenden Schüler waren oft genervt und haben sich lieber mit etwas anderem beschäftigt, als mit der Verhandlung.
Eine Beschwerde wird so behandelt, dass erst alle an der Situation beteiligten ihre Sicht auf das Geschehene darlegen und dann die Richter abstimmen, ob damit eine Regel gebrochen wurde oder nicht. Wenn Ja, macht jemand einen Vorschlag für eine Konsequenz, über den dann wieder abgestimmt wird. Das kann zum Beispiel sein, dass der Schuldige eine Erweiterung des Regelbuchs ausformulieren muss, dass er einmal bei etwas nicht mitspielen darf, oder einfach, dass er verwarnt wird. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass hunderte Regeln und Bestimmungen für jede Kleinigkeit entstehen. Das Regelbuch ist nicht gerade dünn.

Ich habe mich oft gefragt, ob ein von einem Erwachsenen unterstützter Dialog in vielen Situationen nicht fruchtbarer wäre als eine zähe Verhandlung. Vielleicht liegt das auch daran, dass es um die Frage geht, ob eine bestimmte Person schuldig ist oder nicht. Es geht also weniger um Einigung und Ausprache, als vielmehr um die Bewertung durch Dritte.
Wenn es zu laut wurde, griff der Erwachsene ein und ermahnte die Kinder. In solch einer Situation oder auch immer wieder im Schulalltag, sind die Erwachsenen den Schülern nicht auch Augenhöhe begegnet, sondern auf der Erwachsenen- Kind- Ebene.
Andererseits wurden viele Verhaltensweisen von Schülern auch durchgehen gelassen. Beispielsweise Beleidigungen, nicht-Aufräumen oder unrespektvolles Schreien. Manchmal hatte ich da den Eindruck, das Erwachsene da nicht eingegriffen haben, um sich nicht auf die Erwachsenen-Kind-Ebene zu begeben und zu erziehen. Gleichzeitig ist es unmöglich, wegen jeder Sache eine Beschwerde zu schreiben, weil man sonst den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Das habe ich als Spannungsfeld erlebt.

Nach nur einer Woche fällt es mir schwer, tiefergehend zu beurteilen was ich erlebt habe, da die Zeit so kurz war. Gefestigt hat sich aber auf jeden Fall die Erkenntnis, dass es bei der Schule vor allem darauf ankommt, was die Erwachsenen tun bzw. was sie für Menschen sind. Der Rahmen und die Struktur einer Schule beeinflussen natürlich auch, was stattfindet. Massgeblich für eine „gute Schule“ ist glaube ich aber, was für Menschen da sind, was zwischen ihnen passiert und dass die Erwachsenen Vorbilder sind.
Aber wieviel führen sie? Wieviel Führung braucht und möchte der einzelne Schüler? Und vor allem, wohin führen sie? Den Versuch, auf jegliche Führung zu verzichten, halte ich für einseitig und habe bis jetzt auch nicht erlebt, dass das möglich ist. Auch glaube ich, dass die Frage der Führung sich bei jeden Kind einzeln stellt und nicht für alle pauschal zu beantworten ist. Die Schulstruktur sollte diese Frage also nicht pauschal für alle beantworten, weder in Richtung von absoluter Führung, noch in Richtung von keiner Führung. Und mit Führung meine ich nicht Zwang! Mit Führung meine ich etwas leitendes, lehrendes, das anregend und ermutigend ist. Anregend und ermutigend zur eigenen Aktivität und damit zur individuellen Entwicklung. Ich glaube, die Frage nach der Führung ist vielleicht die zentralste Frage der Pädagogik.

2 Wochen voll lebendiger Pädagogik

Mit vielen Fragen und Hoffnungen kam ich nach Freiburg. Im schönen Elztal, eine halbe Stunde Bahnfahrt von Freiburg entfernt, liegt hier die Freie Schule Elztal, in der ich ein zweiwöchiges Praktikum absolvierte. Ich wollte die Schule kennen lernen, in der Hoffnung, dort lebendige Waldorfpädagogik zu erleben. Und ich wollte Peter Roggenbruck, bei dem ich die allermeiste Zeit im Unterricht dabei war, als Pädagoge erleben und möglichst viel von ihm lernen.

 Die Freie Schule Elztal gibt es seit fast 30 Jahren. Damals wollten einige Eltern eine Schule für ihre Kinder, in der es mehr um den einzelnen Menschen, als um genormte Entwicklungsziele geht. Schnell fanden die Eltern und Lehrer zur Waldorfpädagogik als Grundlage und Orientierungshilfe ihres pädagogischen Handelns, bis heute ist die Schule aber nicht Mitglied im Bund der Freien Waldorfschulen. Die Schule ist in 2 Gebäuden untergebracht. Das eine ist ein ehemaliges Kranken- und Geburtshaus einer großen Fabrik und liegt direkt am Fuße eines bewaldeten Berges, was den jüngeren Schülern wunderbare Möglichkeiten bietet, draußen zu spielen und zu toben. So sind die unteren Klassen viel draußen im Wald, oder im, über die Jahre von 9. Klassen angelegten, Gelände hinter der Schule, mit Terrassen, Bänken, einer Feuerstelle, Klettermöglichkeiten, Beeten und einem Bach. Das andere Gebäude ist ein ehemaliges Hotel, in dem jetzt die Klassen 8-12 untergebracht sind. Beide Gebäude haben eine angenehme Atmosphäre, vor allem das der jüngeren Schüler strahlt viel Geborgenheit aus.

Die Klassen umfassen bis zu 15 Schülern und haben jeweils ihren eigenen Raum. Sie haben 8 Jahre lang einen Klassenlehrer, der eine Sicherheit gebende Struktur schafft und ab der 9. Klasse geht es immer mehr um Selbstständigkeit und Eigeninitiative. In den 4 Oberstufenjahren gibt es 5 mehrwöchige Berufspraktika (Handwerks-, Industrie-, Dienstleistungs-, Sozialpraktikum und Freies Praktikum) sowie verschiedene andere mehrwöchige Projekte, unter anderem die Vorbereitungsphasen auf externe Haupt- und Realschulabschlussprüfungen. Noten vergibt die Schule keine, sondern nur schriftliche Beurteilungen. Vorrangige Ziele der Oberstufenarbeit sind nicht die Abschlüsse, sondern der Erwerb der „Berufswahlreife“ sowie der Erwerb der „Lern- und Studienreife“. Nachdem die erste Generation erfolgreich auf diesem Weg das Abitur abgelegt hat, gibt es jetzt die zweite Gruppe von Schülern, die sich selbst organisiert und mit Unterstützung von Lehrern, zwei Jahre lang auf externe Prüfungen vorbereitet. Dieses Projekt nennt sich „AbiPlus“, was daher kommt, dass es um viel mehr gehen soll als nur um den Abiturstoff.

 In den beiden Wochen war ich die allermeiste Zeit bei Peter Roggenbruck und den fünf Schülern der 12. Klasse, Sophie, Mathilda, Jule, Luca und Jan. Von 9 Uhr (Schulanfang der Oberstufe) bis ca. 13 Uhr war jeden Tag gemeinsame Projektzeit und danach wurde alleine weitergearbeitet.

Erste Eindrücke (17.02.14)

Als ich mit Peter in den Klassenraum kam, waren die 5 Zwölftklässler gerade dabei, sich über ihre Zukunft nach der 12. Klasse zu unterhalten. Wir setzten uns gleich zu siebt an einen runden Tisch, der neben Tafel und Schulbänken stand. Ich stellte mich vor und nachdem Peter mit den Schülern entschieden hatte, in dieser Woche mit dem Thema „Berufswahlreife“ anzufangen, erzählten die 5 von ihren Praktikumserfahrungen. Alle 5 sprachen mit einer großen Klarheit und Authentizität. Überhaupt war es eine sehr ungezwungene, offene und freudige Stimmung. Jeder sagte noch, wie es bei ihm nach der 12. Klasse wahrscheinlich weitergehen werde, wobei bei jedem ein eigener Wille deutlich war. Es war bemerkenswert, wie klar allen war, was sie prinzipiell suchen. Die Schüler hatten deutlich verschiedene Charaktere und waren authentisch mit ihren Charaktereigenschaften, sie wurden in ihrer Individualität akzeptiert. Von Anfang an wurde deutlich, dass alle 5 gerne in die Schule gehen und am Thema großes Interesse hatten. Das zeigt auch die Tatsache, dass ihr Gespräch sich um eben jenes Thema gedreht hatte, als wir reinkamen. Im Unterricht ging es in keinster Weise um ein Thema, zu dem jemand keinen persönlichen Bezug hatte. Stattdessen wurde jeder Einzelne mit seinem Wesen, seinen Erfahrungen und Interessen wahrgenommen und akzeptiert.

Peters Rolle bestand darin, dass er den Rahmen des Arbeitens schuf und dabei eine große Offenheit für die Fragen und Bedürfnisse der Schüler ermöglichte. Nach dem Gespräch gab er ihnen noch mit auf den Weg, worauf es beim Schreiben eines Praktikumsberichts ankomme und nach ca. drei interessanten Stunden gingen alle nach Hause, um dort ihre Praktikumserfahrungen auszuwerten. Es war ein wunderbarer erster Morgen für mich!

Bei Peter in der 12. Klasse

In der ersten Woche war das Thema die Berufswahlreife. Die fünf kamen gerade frisch aus dem fünfwöchigen Freien Praktikum und jetzt ging es darum, die Erfahrungen, die jeder während der fünf Praktika seiner Oberstufenzeit, gesammelt hatte, auszuwerten. Ziel war es, dass jeder anhand der Eigenwahrnehmung, der Wahrnehmung der Anderen und der Beurteilungen der Praktikumsstellen, ein Persönlichkeitsprofil erstellt, in dem die individuellen Fähigkeiten aufgeführt sind. Außerdem haben wir noch auf unsere jeweiligen Schwächen sowie auf die Entwicklungsschritte, die wir während dieser Berufserfahrungen gemacht haben, geschaut. Am Ende haben wir, anhand dieser Auswertungen, jeweils eine Vision der beruflichen Zukunft entworfen. Die meisten Schritte habe ich mitgemacht, ich habe ebenfalls meine bisherigen beruflichen Erfahrungen ausgewertet, versucht meine Stärken und Schwächen zu formulieren sowie eine Vision entworfen.

Die Vormittage liefen meistens so ab, dass wir zu siebt um einen runden Tisch saßen und jeder das vortrug, was er am Nachmittag des Vortages gearbeitet hatte, was ja ganz persönliche Themen beinhaltete. Die anderen ergänzten dann den Vortragenden mit ihrer Beurteilung des mitgeteilten und es wurde darüber gesprochen. Anschließend stellte Peter eine neue Aufgabenstellung, die dann am Nachmittag bearbeitet wurde. Es wurde also immer erst alleine gearbeitet und dann das Ergebnis in der Gruppe behandelt. Das habe ich als sehr fruchtbar und effektiv erlebt. Es gab kein Pensum an Inhalten, das in einer bestimmten Zeit absolviert werden musste, sondern nur die verschiedenen Aufgaben, die jeder so ausführlich behandelte, wie er es eben schaffte. Peter hat den Schülern Angebote gemacht und sie nicht zum Arbeiten gedrängt.

Für den Vormittag war also jeweils klar, dass es darum gehen würde, das zu Hause Geschriebene zu behandeln und dass Peter am Ende eine neue Aufgabenstellung geben würde. Wie das dann genau aussah, ergab sich jeweils aus dem, was die Schüler an Vorstellungen, Ideen und Fragen mitbrachten. Peter reagierte sehr spontan auf das, was von den Schülern kam. So ging er mehrmals auf Jans Wunsch, die aktuellen politischen Geschehnisse anzuschauen, ein und reagierte vor allem bezüglich der Form, in der zusammen gearbeitet wurde, auf die Stimmung in der Klasse. Es war deutlich, dass Peter, selbst bei störenden Aktionen von Schülern, nicht gemaßregelt hat, sondern wenn, dann nur auf Verhaltensweisen hingewiesen hat. Er ist generell mit Lob und Tadel, also mit Kritik, sehr unterschiedlich umgegangen. Wenn Schüler in ihren Texten grammatikalische Fehler hatten, hat Peter diese teilweise ignoriert, weil es gerade um so ein persönliches Thema des Schülers ging. Er höre „mit interessiertem Ohr zu, nicht mit beurteilendem“, an so einer Stelle wolle er nicht beurteilen. Es war auch zu merken, dass er für die einzelnen Schüler verschiedene Formen der Ansprache gewählt hat. Wenn z.B. Luca dran war, hat Peter deutlich ruhiger gesprochen also bei Jan. Ein anderes Element mit dem er gearbeitet hat, war das „Wissen-Liefern“. In manchen Phasen hat er die Schüler „ganz bewusst“ mit viel Wissen konfrontiert. Dann hat er teilweise auch viel aus seinem eigenen Leben erzählt.

So hat er an einem Tag gezielt viel Wissen von „engen Denkstrukturen“ einfließen lassen. Als es um die Berufswelt ging, hat er viele enge Denkmuster aus der Berufswelt gebracht, im Sinne von „wenn man XY tun will, muss man Schein436 haben“. Peter meinte, dass er die Schüler damit konfrontiert habe, da er früh gemerkt habe, dass eine Schülerin sich nicht auf das Konkrete in der Aufgabenstellung einlasse. So habe er sie zum Denken angeregt und die Schüler seien nun durch das komprimierte Wissen „gespannt wie eine Feder“. Er arbeite viel mit unterschiedlichen Denk- und Gefühlsstrukturen, gerade in Hinblick auf die Elemente Enge und Weite. Die nächste Aufgabe nach diesem Tag war es, eine Berufsvision fürs gesamte Berufsleben zu entwickeln. Die Vision zu schreiben, war eine tolle Sache und die Visionen der Anderen zu hören ebenfalls. Aus diesen Visionen konnte man sehr viel über die einzelnen Menschen herauslesen und es war eine wunderschöne gedankliche Weite im Raum.

Noch am selben Tag fingen wir mit dem zweiten Thema, der Vorbereitung auf das Projekt Realschulabschluss, an, was bedeutete, dass wir aus der Weite sehr in die Enge gingen. Peter ist keiner der Fachlehrer, die die Schüler in den nächsten viereinhalb Monaten inhaltlich auf den RSA vorbereiten werden. Er begleitet die Klasse stattdessen in ihrem Lern- und Arbeitsprozess, es ging also um das „Wie“ und nicht um das „Was“.

Als erstes stellte Peter die Frage, mit welchen Gefühlen, Erwartungen und Vornahmen die Schüler denn in dieses Projekt starten würden. Daraufhin gab Peter einigen Input. Er wies nochmal darauf hin, dass niemand das Projekt machen müsse und dass man jederzeit aussteigen könne. Die Fünf könnten selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie von den Lehrern bekommen wollen und sie seien für den Lernprozess selbst verantwortlich. All das machte er vor allem anhand von Beispielen vorheriger Klassen deutlich, so dass viele Bilder entstanden. Auf Äußerungen von Schülern ging er direkt ein, indem er Verständnis zeigte, Tipps gab und Mut machte. Peter war sehr „präsent“, er gab wirklich viel Input. So waren die Schüler sichtlich mit der Frage konfrontiert und wurden sehr nachdenklich. In dieser Stimmung und mit der Frage als Aufgabe, gingen sie nach Hause und wir trafen uns am nächsten Morgen wieder.

Es war bereits der letzte Tag, an dem wir arbeiteten, da am nächsten Tag bereits der „Schmutzige Dunschtig“ war, an dem wir mit der ganzen Oberstufe ein Völkerballturnier machten, bevor es in die Fastnachtsferien ging. Peter begann den Unterricht, indem er von einer eigenen Prüfungssituation erzählte, vor der er gerade stehe. Er sei sehr unsicher und am zweifeln, da er schlecht vorbereitet sei und ihm die Zeit fehle, sich noch genügend vorzubereiten. So zeigte er den Schülern, dass sie mit etwaigen Zweifeln und Ängsten nicht allein seien, sondern sogar ihr eigener Lehrer in einer ähnlichen Situation sei. Nun erzählte ein Schüler von seiner seelischen Situation in Bezug auf das RSA Projekt, die sehr von Unsicherheit und Zweifeln geprägt war. Wenn er etwas äußerte, fragte Peter auch die Anderen, wie es bei ihnen an diesem Punkt aussehe. So entwickelte sich eine sehr offene Gesprächsrunde. Die Schüler erzählten auf Peters Frage hin, wie die Situation mit ihren Eltern sei, ob diese ihnen genug helfen würden und ob sie ihnen zu viel Druck machen würden. Es ging um das Verhältnis zwischen Schwere und Leichtigkeit der Verfassung mit der die Schüler in das Projekt starteten. Es ging Peter vor allem darum, den Schülern zu zeigen, dass sie ihre Sorgen, Fragen und Unsicherheiten nicht alleine tragen müssten, sondern dass die Gruppe das Projekt auch auf dieser Ebene gemeinsam absolvieren könnte.

Er führte die Schüler auch gezielt zu ihren Lern- und Arbeitsbeziehungen untereinander. Als die Konzentration nachließ, reagierte er, indem er vom Gespräch zu einer anderen Arbeitsform wechselte, er ließ die Schüler erst ihre menschlichen und dann auch ihre inhaltlichen Wünsche an die jeweils Anderen formulieren und vorlesen. Sie beschrieben beeindruckend klar Eigenschaften der Anderen und es war spannend, wie sie dadurch in Bezug zueinander traten. Als ein Schüler auf eine der Aufgabenstellungen widerwillig reagierte, brachte Peter einen lustigen Spruch, „um ihn abzulenken“ und „aufzulockern“, was sichtlich funktionierte.

 Auf die Frage eines Schülers hin, sagten alle ihre Wunschnote für den RSA, wodurch schnell der Druck zum Thema wurde. Peter fragte die Schüler, wie sie mit Druck umgehen würden. Einzelne offenbarten daraufhin, wie schon vorher, sehr persönliche Zweifel und Ängste, womit Peter dann umging. Er ging lange auf einen Schüler ein, der besonders unter Druck stand. Durch Fragen führte er ihn zu Handlungsansätzen, die ihm sichtlich Orientierung und Mut gaben. So veränderte sich die ganze Stimmung von zweifelnder Bedrückung hin zu mehr Sicherheit und Leichtigkeit. Gegen Ende des Vormittags gab Peter ihnen die Aufgabe, sich auf ihre jeweiligen Stärken zu besinnen und jeweils einen „Energiesatz“ zu formulieren. Einer lautete beispielsweise „ich gehe ehrgeizig und fleißig durch das Tor des Realschulabschluss“. Das war dann sozusagen ein ermutigender Abschluss der „Ausrichtungstage“. Es war unheimlich beeindruckend, auf was für einer tiefen seelischen Ebene die Schüler sich öffneten und was für Bewusstwerdungsprozesse stattfanden. Peters Arbeit ging weit über die reine Wissensvermittlung hinaus, er begleitete vielmehr wesentliche persönliche Entwicklungsprozesse.

Am letzten Tag erlebte ich noch das Völkerballturnier der Oberstufe, bei dem es sehr humorvoll und doch auch konzentriert zuging. Alle waren verkleidet, auch die Lehrer; und diese spielten den ganzen Vormittag über konsequent die lustigen Rollen, in die sie mit ihrer Verkleidung geschlüpft waren.

Mathematik in der 9. Klasse

An zwei Tagen war ich morgens bei der 9. Klasse, die gerade Mathematik Epoche bei Christian hatte. Wie die 12., ist auch diese Klasse sehr klein, sie hat gerade mal 7 Schüler. Im Gegensatz zum Unterricht in der 12 Klasse, habe ich einen inhaltlich sehr geführten Unterricht erlebt.

Nach einem Kopfrechenteil ging es los: Christian hatte eine Problemstellung gegeben, auf deren mathematische Lösung jetzt hingearbeitet wurde. Dabei baute er Gedanke um Gedanke logisch aufeinander auf und versuchte die Schüler mitzunehmen. Er war merklich darauf bedacht, auf jeden einzugehen. So sprach er auch Schüler einzeln an und stellte ihnen entsprechend ihrem Leistungsniveau Fragen. Wenn er Fragen an alle stellte und jemand eine Idee für die Lösung hatte, ließ er ihr oder ihm Zeit und Gelegenheit, den Anderen die Idee zu erklären und sogar selbst auf den Fehler zu kommen, wenn einer vorlag. Er fragte aber nicht endlos die Schüler, sondern gab nach ein paar Antwortversuchen selber die Antwort. Alle Gedankengänge veranschaulichte er mit Zeichnungen an der Tafel und die Schüler zeichneten dann alles ab. Dabei war für ihn Zeit, um mit Einzelnen zu sprechen. Danach wurde das entdeckte Prinzip der Scherung angewendet, indem ein Quadrat zu immer höheren Rechtecken geschert wurde. Das machte Christian an der Tafel und die Schüler machten es auf ihren Blättern, wobei sie sich an Christian orientieren konnten. So arbeiteten alle konzentriert bis zum Ende des knapp zweistündigen Unterrichts. Wenn ein Schüler ein Problem hatte, fragte er Christian um Hilfe, der dann zu ihm kam und ihm half. Was nicht fertig gearbeitet wurde, sollte zuhause gemacht werden.

Das ganze Unterricht hatte ein Tempo, bei dem kein Stress entstand, wenn es für jemanden zu schnell ging, konnte er jederzeit Bescheid sagen. Trotzdem hatte der Unterricht Zug. Christian benutzte die Fachsprache und versuchte nicht, den Stoff irgendwie „mundgerecht zuzubereiten“. Es war ein sehr wissenschaftlicher Unterricht. Im Prinzip führte Christian seine Gedankengänge zur Lösung der Problemstellung, logisch aufeinander aufgebaut und anschaulich, vor und versuchte die Schüler mitzunehmen.

Das Kernfächerlernen

Das Kernfächerlernen ist für die Klassen 9 und 10, es ersetzt den Fachunterricht für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Jeder Schüler hat ein „Lerntagebuch“, in dem für alle drei Fächer Lernbausteine aufgelistet sind, die er sich dann nach und nach vornimmt. Jede Woche wählen die Schüler zwischen den drei Fächern aus und arbeiten jeden Tag 2 Stunden in diesem Fach. Alleine, zu zweit oder auch in kleinen Gruppen kann jeder in seinem Tempo und auf seinem Niveau lernen. Das Kernfächerlernen hat zum Ziel, „dass der einzelne Schüler ein Bewusstsein über das eigene Lernverhalten entwickeln kann, um eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten zu erreichen“. Jeden Montag hält der Einzelne seine Vornahmen schriftlich fest und spricht sie mit dem jeweiligen Fachlehrer ab. Diese Wochenziele werden jeden Freitag in einem persönlichen Beratungsgespräch mit dem verantwortlichen Fachlehrer reflektiert. „Dadurch können Lernverhalten, Lernstand und Lernfortschritt festgestellt werden, um die nächste Vornahme zu setzen.“

Als ich beim Kernfächerlernen in Deutsch dabei war, saßen wir zu siebt um einen Tisch herum und die meiste Zeit arbeiteten alle konzentriert. Simone, die Lehrerin, half die meiste Zeit einem Zehntklässler, der noch nicht lange Deutsch sprach, zwei Zehntklässler sowie eine Neuntklässlerin arbeiteten jeweils an Textanalysen und ein Achtklässler (die Achtklässler schnuppern immer ab Weihnachten bis zum Schuljahresende ins Kernfächerlernen rein) bearbeitete ein Arbeitsblatt. Es war eine angenehme Atmosphäre, die nur von Zeit zu Zeit von zwei der Zehntklässler gestört wurde, die sich schlecht konzentrieren konnten und redeten, oder andere Geräusche machten. Simone ermahnte die Schüler dann aber nicht, sondern akzeptierte es. So trieb sie die Schüler nicht an und drängte sie nicht zur Arbeit, wodurch die Schüler wirklich selbst initiativ werden mussten.

Am nächsten Tag war ich wieder im Kernfächerlernen Deutsch, es war Freitag und deshalb standen die Reflexionsgespräche an. Simone besprach einzeln mit den Schülern ihre Wochenleistung. Erst zogen die Schüler selbst ein Fazit, wozu Simone ihnen dann Fragen stellte. Beispielsweise „bist du mit deiner Leistung zufrieden?“ und falls sie das nicht waren, fragte sie „was könntest du verändern?“ und „was könnte ich tun, um dir zu helfen?“ Die beiden Zehntklässler, die sich am Vortag so schlecht konzentrieren konnten, waren beide mit ihrer Leistung unzufrieden. Es war deutlich zu merken, wie sie mit sich rangen und dass sie eigentlich arbeiten wollen. Erst am Ende des jeweiligen Gesprächs beurteilte Simone, wie sie die Wochenleistung des Schülers sehe. Es wurde deutlich, wie stark es beim Kernfächerlernen um die Eigeninitiative der Schüler geht und dass sie nicht gezwungen werden. Mein Eindruck ist, dass es wirklich um den Prozess ging, sich das eigene Lernverhalten bewusst zu machen und daran zu arbeiten.

Die Zeit bei Peter und überhaupt in der Freien Schule Elztal hat meine Erwartungen und Hoffnungen weit übertroffen. Ich habe beeindruckende Schüler und Lehrer erlebt, spannende Schulstrukturen und Unterrichtsformen sowie in Peter einen besonders beeindruckenden Lehrer begleitet, von dem ich unheimlich viel mitnehmen konnte. In seinem Unterricht war ich nicht bloß Praktikant und Beobachter, sondern habe zum Teil wie die Schüler mitgemacht. Und auch das hat mir enorm viel gebracht, gerade in Sachen Selbsterkenntnis und Zukunftsvorstellungen. Ich habe mich im Elztal sehr wohlgefühlt und eine intensive, lehrreiche Zeit erlebt. Dafür bin ich allen Menschen, die dazu beigetragen haben und vor allem Peter sehr dankbar und war sicher nicht das letzte Mal in der Freien Schule Elztal.

Heilpflanzenkunde – Diemut

Eigenes Seminar

Schon seit meiner Kindheit bin ich auf regelmäßigen Spaziergängen den Spuren der Pflanzen gefolgt und wollte bald auch um ihre Heilwirkung wissen. In meiner Jugend stellte ich dann mit meiner Mutter zusammen, die mir eine Lehrerin war, erste Naturkosmetika und Hausmedizin her.

 

In der Experimentierphase unsere Projektes, sprich bis April, erkor ich auch die Heilpflanzenkunde zu meinem Experimentier- und Orientierungsfeld aus. Ich wollte herausfinden, ob dies meine Berufung ist oder werden könnte.

Nun habe ich seit September entsprechend den Jahreszeiten an dem Thema gearbeitet. So verarbeitete ich im Herbst meine gesammelten Wurzeln, Blätter und Blüten zu Ölen, Salben und Heilmitteln. (z.B. Johanniskraut-, Arnika- und Calendulaöl, entsprechende Salben, Gesichtstonikum, Schlaftee, entzündungshemmende Tees). In den Wintermonaten passierte weniger, doch in den letzten zwei Februarwochen legte ich eine Heilpflanzenkunde-Zeit ein.

Hier war mein Ausgangspunkt folgender:

Zum einen leide ich zur Zeit unter Rücken-, Knie- und Kopfschmerzen. Hierfür wollte ich recherchieren, wie ich mir helfen kann und was für ein Kraut dafür gewachsen ist. Zum anderen blüht gerade die Hamamelis, die ich gut verarbeiten kann.Da heraus widmete ich mich erst einmal zwei Büchern: „Die Apotheke Gottes“ von der Nonne Maria Treben (welches ich schon lange nutze); den Herstellungsbeschreibungen von der Heilpflanzenkundigen Susan.S. Weed. Zusätzlich stöberte ich in „Mit der Wildnis verbunden“ von Susanne Fischer-Rizzie.Ich fand was ich suchte und als mein eigener „Proband“ stellte ich ein Schmerzöl für den Rücken, ein Hamamelis-Gesichtswasser, Hamamelis-Dekoktum – und Essenz zur unterschiedlichen Weiterverwendung her .

Hauptsächlich aber ging es mir dieses Mal um die theoretische Arbeit:

Die genauen Herstellungsarten zu lernen, die Bestimmung von u.a. Hamamelis und Wundklee, die Unterscheidung verschiedener Ursachen bzw. verschiedenem Auftreten von Kopfschmerzen und Rückenschmerzen und bei Spaziergängen bekannte Pflanzen zu entdecken, oder neue zu bestimmen, also meine Achtsamkeit weiter zu schulen.

 

Insgesamt waren das sehr spezifisch angelegte Wochen, aus denen auch kaum Ergebnisse, sondern mehr angefangene Studien, Ideen und Wissen entstanden ist. Aber genau das lässt mich jetzt dastehen mit dem Wunsch, weiter zu machen und diesen Weg bis hin zur „Professionalität“ zu gehen.

Ich habe mir auch gleich erfolgreich eine Weiterbildung bei einer Heilkräuterfrau in Freiburg ab April organisiert und freue mich unglaublich, so eine deutliche Spur meines Interesses gefunden zu haben und diese weiter zu verfolgen.