Freiheit ? Ist selbstbestimmtes Lernen permanente Ekstase ?

´“Freies“ UniExperiment München und Freising´

„Frei“ – was erhoffen wir uns davon ?
Was ist, wenn wir „frei“ sind ?

„Frei“ wovon ? 😉

Unten ein kurzer Text, in dem auch „Erleuchtung“ und „spirituell“ drin vorkommen. Ich hoffe, das ist nicht zu abschreckend ;-).

Oft wird ja gesagt:

„Ja, wenn man nur macht, was man will, wenn man nur lernt und studiert, was man will, dann können einem doch wesentliche Lektionen entgehen, eben die, die einen halt nicht gleich auf den ersten Blick hin anziehen. Wenn man immer nur macht, was man will: wo kommt man da hin – zur Erkenntnis ? Zu welcher ?“

Ich kann mir vorstellen, dass hinter solchen Formulierungen eine Verwechslung stecken könnte. Selbstbestimmt Lernen heißt für mich nicht: nur der Lust und momentanen Erfüllung hinterherjagen. Selbstbestimmt Lernen heißt für mich auch: den eigenen Fragen folgen. Auf diesem Pfad lauern meiner Erfahrung nach beileibe nicht nur nette Glücksmomente. Es warten genauso schwierige Erfahrungen, anstrengende Etappen, wie vielleicht beim Anstieg auf einen Berg, für dessen Gipfel ich mich entschieden habe.

Gibt es einen Aufstieg ohne Abstieg ?
Wie lautet das nächste Ziel, wenn ich auf dem Berggipfel stehe ?

Vielleicht ist es im selbstbestimmten Lernprozess nur die Illusion eines selbstbestimmten Zieles, die mühsam, gerade noch so eben vom Mäntelchen der „Freiheit“ bedeckt werden kann.

Was lauert unter diesem Mäntelchen ?
Was wartet auf dem Weg zu meinem selbstbestimmten Ziel auf mich ?

Ich weiß es nicht ! „Gott“ sei Dank ! 😉

Auch finde ich es für mich immer wieder wichtig im selbstbestimmten StudienProzess immer wieder auch die Frage zu hören, wer oder was dieses „Selbst“ denn sei ?!

´Beobachten´ heißt da meine Devise.
Dabei hilft mir auch der Dialog, die gemeinsame Reflexion im UniExperiment.

Übungshalber ersetze ich „Erleuchtung“ und „spirituell“ im folgenden kurzen Text gerne auch mal durch „selbstbestimmt Lernen“, außer in der viertletzten Zeile.

(Text v. Tomas Langhorst)

Text v. Jed Mc Kenna, Iowa:

–>“GLÜCKSELIGKEIT & EKSTASE = ERLEUCHTUNG?

Glaubt ihr denn im Ernst, Erleuchtung sei so etwas wie ein endloser Orgasmus?

Pausenlos high sein? Der Himmel auf Erden? Keine Probleme mehr, keine Sorgen? Nur dasitzen und die ganze Zeit HAPPY sein?

Hört sich das nicht ein bisschen, wie soll ich sagen, ein bisschen billig an? So, als wären wir alle nur hier, um es zum großen Zudröhnen zu bringen?

Erleuchtung ist keine Gipfelerfahrung. Kein Märchen mit Happy End. Erleuchtung – das heißt Aufwachen. Nicht mehr und nicht weniger. Glückseligkeit ist nur der alte Himmelsmythos, neu verpackt für ein hippes Publikum – der Himmel auf Erden, der Himmel hier und jetzt.

Pfeift auf die Glückseligkeit. Glückseligkeit ist was für Kinder. Glückseligkeit ist was für Touristen, für Trottel.

Wie konnte ein so lächerlicher Gedanke überhaupt nur in eure Köpfe dringen? Diese Frage sollte euch echt ernüchtern. Wenn eine derart bizarre Vorstellung in eurem Denken derart fest verwurzelt ist, was mag da sonst noch alles drinstecken? Wenn eure Überzeugungen nicht euch selbst gehören, wem gehören sie dann?

Wer seid IHR. Ihr müsst eure ganzen übernommenen Thesen mal einer genauen Prüfung unterziehen, und glaubt mir, nur einen kleinen Bruchteil davon werdet ihr auf Anhieb erkennen. Jeder unangezweifelte Glaube kann euch einengen und den Kurs eures Lebens bestimmen.

Vielleicht ist das ja der einzige Grund, warum ihre euch auf dieser spirituellen Schiene befindet: weil ihr den unangefochtenen Glauben hegt, am Ende dieses Pfades warte die Verzückung auf euch!

Vielleicht wollt ihr dort, wo der Pfad tatsächlich hinführt, gar nicht ankommen? Vielleicht ist es nur das Märchen, das euch reizt? Ich würde meinen, dass dies auf gut fünfundneunzig Prozent aller spirituell Suchenden der westlichen Welt zutrifft.

Denkt selber darüber nach. Dies ist die Goldene Regel. Denkt selber darüber nach. Macht diese Regel zu eurem Mantra. Lasst sie euch auf die Innenseiten eurer Augenlider tätowieren.“<–

Zit. v. Jed Mc Kenna – Iowa

2.7.: UniExperiment goes economics !

Mischa Khotyakov, St. Petersburg & Munich,

berichtet von seiner Lektüre von Friedrich v. Hayeks „Road to Serfdom“,
mit anschließendem Austausch.

Mischa:
First published in 1944,
´The Road to Serfdom´ by Friedrich von Hayek
made a revolutionary case arguing that the socialist ideas inevitably lead to totalitarianism once put into practice for a longer period of time. This fact, though already known and understood by some people, was not only not widely accepted, but seemed almost heretic in the world destroyed by economic crises and war and seeking salvation in the wise planning of the state.
Today the question of socialism as understood in the first half of the twentieth century – namely state property on the means of production and central planning – does not arise in the Western societies. But it is not an exaggeration to say that the mixed economic system we live in is the product of intellectual work widely influenced by the Hayek’s book.

We will step by step go the book through discussing the main arguments, talking about individualism, competition, morals, security and above all about freedom. The talk will last about 75 minutes and will be given in German.“

Mihal Khotyakov
studied economics and mathematics in St.Petersburg and Munich. He is interested in general economics questions.

Wir treffen uns um 11:00 im Offenen BildungsRaum im UniExperiment im SelbstHilfeZentrum in der Westendstr. 68 im Münchener Westend. Herzlich willkommen !
Mischas Vortrag beginnt um 11:30 und dauert bis ca. 12:45.
Danach ist ein Austausch zum Thema geplant bis ca. 13:30.

Ab 13:30 setzen wir den Offenen BildungsRaum in gewohnter Form fort:
Die unmittalbaren Impulse und Bedürfnisse aller Anwesenden gestalten unseren gemeinsamen BildungsProzess im Zusammensein.

Was passiert eigentlich, wenn ich eine Erkenntnis habe? – Phänomenologie-Seminar

== Weitere Infos zu Diemut hier (link) ==

Vom 1. bis 6. Januar waren Alia, Lukas ,Moritz ,Martin, Camilla und ich, Diemut,  eine Woche in der Kooperative Dürnau zu einem Phänomenologie – Seminar.  Erstmal haben wir uns den Ursprung und die Grundlage  dieses wissenschaftlichen Erkenntniswegs angeschaut und sind auf Goethe ,Hegel und Fichte zu sprechen gekommen. Es war allein schon spannend, den scheinbaren Widerspruch zwischen Goethe und Hegel – stellt man nun eine Theorie auf oder nicht und beobachtet ?- zu überwinden, wie sie jeweils Bedingungen für ein phänomenologisches Vorgehen auf dem Erkenntnisweg vorschreiben.

Doch heiß her ging es dann so richtig, wie wir zu den Weltgesetzen und Denkgesetzen vorstießen: Gibt es diese? Das hatten wir bald mit Ja beantwortet, doch: Wie stimmen diese miteinander überein? Wie weit greift das Denkgesetz-Die Logik- und wann nicht mehr? Aber vor allem: Wie funktioniert eigentlich Erkenntnis? Was passiert da in uns?.

Weiter ging es mit dem Versuch, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt aufzulösen, dabei aber scharf aufzupassen, dass wir dadurch Subjekt und Objekt nicht als Ein und Dasselbe erklären. Dann erst kann ich phänomenologisch untersuchen und nach Goethe „In den Dingen denken“.  Das war nicht gerade gemütliches schwätzen! (:

Aber auch die Frage nach der Vorstellung und dem Bewusstsein wollte angeschaut werden: Woher kommen eigentlich die Begriffe zu  unserer Vorstellung?  Was  sind Begriffe – Das Wesen des Phänomens!?  Ja die Phantasie… die ist ganz wichtig auszubilden für jegliche Vorstellungskraft, die über Erinnerungen hinausgehen soll. Wir machten einen Versuch zum Vorstellungsvermögen und stellten fest, dass z.B. ein dreidimensionales Konstruieren eines Bildes, in dem ich mich dann selbst noch (NICHT aus der Vogelperspektive) bewegen sollte, nicht möglich war. Das bedeutet aber ,dass wir gar keine direkte, präzise Abbildung der äußeren Sinnenwelt haben, sondern in uns konstruieren. Sonst müsste unser Bild ja auch ständig wackeln, wenn wir blinzeln. Ein weiteres Beispiel ließ uns zu denken geben:  2 Weltraumfahrer beobachteten aus dem All, wie große Container auf der Erde in einer Stadt verschoben wurden. Als sie das ihrer Station und den Wissenschaftlern durchgaben, errechneten diese, dass dies unter gar keinen Umständen möglich sei von dem errechneten Sehvermögens der Augen her, da die Strecke zu weit war. – Die Astronauten sahen die Container trotzdem und beschrieben, wie sie gerade verstellt wurden. –   Das bedeutet doch, dass unser wirkliches Sehvermögen gar nicht mit dem errechenbaren biologischen Aufbau unserer Augen zusammenhängt und dem ersten Beispiel zufolge auch gar nicht darauf ausgerichtet ist, nur genau wiederzugeben, was wir wahrnehmen. Das fanden wir sehr spannend und vorallem die daraus resultierende Frage: Woher haben wir dann das ruhige, präzise Bild unserer Außenwelt ?.

Angefangen mit dem Bewusstsein, wurde auch der Wille anfänglich untersucht:  In Zusammenhang mit der Handlung geht die Allgemeinheit oft davon aus, dass die Handlung vom Willen abhängt. Doch nun, ohne zu bestreiten, dass es vielleicht einen freien Willen gibt, macht Rolf, unser Seminarleiter, uns darauf aufmerksam, dass viele Handlungen auch gegen meine Willen oder völlig unabhängig von MEINEM Willen geschehen. So z.B. kann ich noch  so sehr nach Köln wollen, wenn Andere den Bus, die Bahn, das Auto nicht bereitstellen und mich zu Fuß unterwegs Wölfe fressen. Es deutet viel mehr darauf hin, dass der Einzelne von dem Willen ANDERER  abhängig und auf diese  angewiesen ist. Phänomenologisch ist jetzt nicht die Frage interessant, wo, wie und ob es jetzt tatsächlich einen Freien Willen gibt, sondern die Beobachtung, dass der Wille auf jeden Fall von vielen Determinanten, die auch nicht nur bei dem Einzelnen selbst liegen, belegt ist und daher viel wichtiger ist, wie  ich diese Determinanten verringere und  trotzdem zu meinem Ziel komme. Also nicht nach Norwegen gehen ,wenn ich heißen Sommerurlaub will, sondern vielleicht eher nach Spanien. (:

Was ich auf jeden Fall mitnehme aus dem Seminar, ist die genaue Unterscheidung der Phänomenologen: Sie gehen nicht schon mit einer bestimmten Frage, und schon gar nicht mit einer Theorie in die Untersuchung, da dann  schon ein determiniertes Ergebnis herauskommen muss, sondern sie gehen ganz von dem zu untersuchenden Phänomen aus. Es ist die Enthaltung zu denken, während sie beobachten und umgekehrt sich nicht ablenken zu lassen, wenn sie denken. Neu für mich war, die „Weil-und Warum“-Frage nicht mehr zu untersuchen, da ich einsehen musste, dass diese immer eine Glaubensfrage ist (ob nun die Wissenschaft nach vielen Erklärungen mit dem „Zufall“ als Begründung kommt, wo sie nicht mehr weiter weiß, oder ob Rolfs  Oma gleich behauptet „das Christkindl backt“ bei der Frage wie Wind entsteht, ist im Grunde dasselbe Phänomen, das wir nicht mehr begreifen, nur anders beschrieben.).

von Diemut

Studienfragen von Theresa Anne Panny (11.4.2014)

Ich möchte, dass alle Menschen die Möglichkeit und Anregung erhalten, sich selbst und die Welt bewusst und kreativ zu sehen.

Ich möchte in meinem Leben Wege finden, unser erstarrtes Bildungswesen für das Experiment und ein vielfältiges Nebeneinander verschiedener Bildungsformen zu öffnen.

Ich habe eine Vision eines lebendigen Bildungsorganismus.
Diese möchte ich im Kontakt mit vielen Menschen weiterentwickeln und Wirklichkeit werden lassen.

Mein freies Studium beinhaltet folgende Fragen:

1. Wie stellen sich Menschen ein Bildungswesen vor, in dem sie zu ihrer Selbstwirksamkeit finden ?

2. Wie können wir verschiedenen Bildungsströmungen unsere Energie einen, um zu einer Bildungsbewegung zu werden, die die Menschen wachrüttelt?
.
3. Wie werde ich zu einer integren, inspirierenden Person ?

Wenn mir jemand Gedanken oder Gefühle dazu schreiben möchte, freue ich mich sehr:
UniExperiment@posteo.de

 

 

Bunte Erfahrungen aus der Demokratischen Schule X (Berlin)

Mit gerade einmal einer Woche Abstand, habe ich im Dezember 2013 nach der Freien Aktiven Schule Frankfurt , die nächste alternative Schule besucht. Die Demokratische Schule X orientiert sich vor allem am Modell der Sudbury-Schulen und ist damit eine von drei solcher Schulen in Deutschland. Vor drei Jahren wurde sie erst gegründet und ist noch relativ klein. Auf 24 Schüler kommen 8 Lernbegleiter, die sich vier Stellen teilen. Das Schulmodell basiert auf zwei Säulen:
Die eine ist die individuelle Lernfreiheit des einzelnen, was bedeutet, dass die Schüler freiwillig entscheiden, was sie machen wollen. Die andere ist das Demokratieprinzip. Zwei mal die Woche gibt es eine Schulversammlung, in der alle Entscheidungen, die  alle betreffen (z.B. Regeln vereinbaren) demokratisch getroffen werden. Jeder hat dabei eine Stimme, egal ob Erwachsener oder Schüler. Die Schüler haben pro Woche eine Anwesenheitspflicht von 25 Stunden, die sie sich selbst einteilen können. Die DSX ist in zwei Stockwerken eines großen Hauses, wobei die recht überschaubaren Räume von der Atmosphäre her eher an Wohn-, als an Schulräume erinnern. Neben einem großen Gemeinschaftsraum gibt es einen Musikraum, einen Werkstatt- und Bastelraum, einen Toberaum, eine Bibliothek, eine Küche und einen Naturwissenschaftsraum.

Da es die Schule erst seit drei Jahren gibt, waren fast alle Schüler vorher auf anderen Schulen, was bei einigen eine krasse Umstellung bedeutet hat oder bedeutet. Manche haben schlechte Erfahrungen in Regelschulen gemacht und dadurch eine teilweise blockierende, ablehnende Haltung erlangt, die sie erst einmal überwinden müssen. So habe ich es zumindest erlebt.
Das lag zum Teil auch bestimmt am Alter, weil es  vor allem die 13 und 14 jährigen waren, aber viele waren eben etwas trotzig und ablehnend gegenüber dem meisten, was unterichtsmässig war. Sie haben die Unterichtsangebote zwar irgendwie doch besucht, aber ich hatte das Gefühl, dass das für sie eher “uncool” war. Da kam dann manchmal ein Handy aus der Tasche, oder die Brotbox.
Es gibt einen Wochenplan, der relativ voll ist, mit Terminen und Angeboten:
SAM_2039SAM_2041
Montag                  Dienstag                   Mittwoch                      Donnerstag                Freitag

Die klassischen Unterrichtsangebote hatten relativen Schulcharakter. Da die älteren Schüler den MSA (Mittelstufenabschluss in Berlin) anstreben, haben die Lehrer meist Inhalte des Lehrplans gewählt und an diesem Punkt geht das Lernen streng genommen nicht vom Interesse des Einzelnen aus. Zwar waren es nur sehr kleine Gruppen, so dass die Erwachsenen sehr individuell auf die Schüler eingehen konnten, doch es ging eben um vorgegebene Lerninhalte. Mein Erleben der Haltung der Schüler war weniger von Begeisterung, als vielmehr von “eigentlich will ich das ja schon” geprägt. Ich hatte den Eindruck, dass die Schüler auf jeden Fall an den Angeboten teilnehmen wollten, allerdings nicht aus Spass an der Sache, sondern eher, um eben den Abschluss zu schaffen.

Neben den Angeboten verbrachten die Schülerinnen und Schüler ihre Zeit vor allem mit Gesellschaftsspielen, musizieren, unterhalten, toben, einkaufen gehen, Sport machen und mit ihren Handys und PCs. Der Medienkonsum hatte dabei nicht gerade ein geringes Ausmass. Ständig wurden Videos geschaut, wurde gechattet, wurden Spiele gespielt. Oft sassen mehrere Schüler gleichzeitig vor einem Handy oder Computer und manche verbrachten wirklich Stunden damit. Ich hatte das Gefühl, dass sie der Verlockung nicht wiederstehen konnten und von ihren Geräten wie gebannt waren. Wenn sie dann mal zu etwas wie einem Spiel begeistert wurden, schienen sie deutlich mehr Freude zu haben!
Was wirklich toll zu beobachten war, war wie Schülerinnen und Schüler auch altersübergreifend miteinander kommunizierten und spielten!
Nachmittags sind wir ein paar Male nach draussen gegangen um Baseball oder Fussball zu spielen. Ein paar Schülerinnen und Schüler waren viel mit Musik machen beschäftigt, im Kunstraum war auch meistens jemand am Basteln und Werkeln und vor allem der Toberaum wurde fleissig genutzt. Hier wurde täglich geturnt, getobt, mit Kissen gekämpft und gespielt. Ein paar Male kam eine Mutter, die mit Schülern bastelte und Plätzchen backte.

Das Demokratieprinzip
Wenn Beschwerden vorhanden sind, findet jeden Tag eine Rechtsversammlung statt. Dabei ist ein Erwachsener anwesend, der die Versammlung leitet und alles am Laptop protokolliert. Außerdem sind noch ca. drei der älteren Schüler, die von der Schulversammlung als Richter gewählt wurden und die von den Beschwerden Betroffenen anwesend. Die Idee dahinter ist, das wenn jemand eine Regel verletzt, ein anderer, der das gesehen hat, einen Beschwerdezettel schreibt und dass diese Beschwerde dann am nächsten Tag behandelt wird. Entschieden, ob die oder derjenige eine Regel verletzt hat und was das für eine Konsequenz hat, wird per Abstimmung. Und dabei sind alle gleichberechtigt, Erwachsene wie Schüler. Die Rechtsversammlungen, die ich erlebt habe, waren sehr zäh. Oft haben Schüler jede Schuld von sich gewiesen, und so wiedersprüchliche Aussagen gemacht. Das hat meistens dazu geführt, dass sich die Schüler gegenseitig noch weniger verstanden, und die Fronten sich verhärtet haben. Die anderen anwesenden Schüler waren oft genervt und haben sich lieber mit etwas anderem beschäftigt, als mit der Verhandlung.
Eine Beschwerde wird so behandelt, dass erst alle an der Situation beteiligten ihre Sicht auf das Geschehene darlegen und dann die Richter abstimmen, ob damit eine Regel gebrochen wurde oder nicht. Wenn Ja, macht jemand einen Vorschlag für eine Konsequenz, über den dann wieder abgestimmt wird. Das kann zum Beispiel sein, dass der Schuldige eine Erweiterung des Regelbuchs ausformulieren muss, dass er einmal bei etwas nicht mitspielen darf, oder einfach, dass er verwarnt wird. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass hunderte Regeln und Bestimmungen für jede Kleinigkeit entstehen. Das Regelbuch ist nicht gerade dünn.

Ich habe mich oft gefragt, ob ein von einem Erwachsenen unterstützter Dialog in vielen Situationen nicht fruchtbarer wäre als eine zähe Verhandlung. Vielleicht liegt das auch daran, dass es um die Frage geht, ob eine bestimmte Person schuldig ist oder nicht. Es geht also weniger um Einigung und Ausprache, als vielmehr um die Bewertung durch Dritte.
Wenn es zu laut wurde, griff der Erwachsene ein und ermahnte die Kinder. In solch einer Situation oder auch immer wieder im Schulalltag, sind die Erwachsenen den Schülern nicht auch Augenhöhe begegnet, sondern auf der Erwachsenen- Kind- Ebene.
Andererseits wurden viele Verhaltensweisen von Schülern auch durchgehen gelassen. Beispielsweise Beleidigungen, nicht-Aufräumen oder unrespektvolles Schreien. Manchmal hatte ich da den Eindruck, das Erwachsene da nicht eingegriffen haben, um sich nicht auf die Erwachsenen-Kind-Ebene zu begeben und zu erziehen. Gleichzeitig ist es unmöglich, wegen jeder Sache eine Beschwerde zu schreiben, weil man sonst den ganzen Tag damit beschäftigt ist. Das habe ich als Spannungsfeld erlebt.

Nach nur einer Woche fällt es mir schwer, tiefergehend zu beurteilen was ich erlebt habe, da die Zeit so kurz war. Gefestigt hat sich aber auf jeden Fall die Erkenntnis, dass es bei der Schule vor allem darauf ankommt, was die Erwachsenen tun bzw. was sie für Menschen sind. Der Rahmen und die Struktur einer Schule beeinflussen natürlich auch, was stattfindet. Massgeblich für eine „gute Schule“ ist glaube ich aber, was für Menschen da sind, was zwischen ihnen passiert und dass die Erwachsenen Vorbilder sind.
Aber wieviel führen sie? Wieviel Führung braucht und möchte der einzelne Schüler? Und vor allem, wohin führen sie? Den Versuch, auf jegliche Führung zu verzichten, halte ich für einseitig und habe bis jetzt auch nicht erlebt, dass das möglich ist. Auch glaube ich, dass die Frage der Führung sich bei jeden Kind einzeln stellt und nicht für alle pauschal zu beantworten ist. Die Schulstruktur sollte diese Frage also nicht pauschal für alle beantworten, weder in Richtung von absoluter Führung, noch in Richtung von keiner Führung. Und mit Führung meine ich nicht Zwang! Mit Führung meine ich etwas leitendes, lehrendes, das anregend und ermutigend ist. Anregend und ermutigend zur eigenen Aktivität und damit zur individuellen Entwicklung. Ich glaube, die Frage nach der Führung ist vielleicht die zentralste Frage der Pädagogik.

2 Wochen voll lebendiger Pädagogik

Mit vielen Fragen und Hoffnungen kam ich nach Freiburg. Im schönen Elztal, eine halbe Stunde Bahnfahrt von Freiburg entfernt, liegt hier die Freie Schule Elztal, in der ich ein zweiwöchiges Praktikum absolvierte. Ich wollte die Schule kennen lernen, in der Hoffnung, dort lebendige Waldorfpädagogik zu erleben. Und ich wollte Peter Roggenbruck, bei dem ich die allermeiste Zeit im Unterricht dabei war, als Pädagoge erleben und möglichst viel von ihm lernen.

 Die Freie Schule Elztal gibt es seit fast 30 Jahren. Damals wollten einige Eltern eine Schule für ihre Kinder, in der es mehr um den einzelnen Menschen, als um genormte Entwicklungsziele geht. Schnell fanden die Eltern und Lehrer zur Waldorfpädagogik als Grundlage und Orientierungshilfe ihres pädagogischen Handelns, bis heute ist die Schule aber nicht Mitglied im Bund der Freien Waldorfschulen. Die Schule ist in 2 Gebäuden untergebracht. Das eine ist ein ehemaliges Kranken- und Geburtshaus einer großen Fabrik und liegt direkt am Fuße eines bewaldeten Berges, was den jüngeren Schülern wunderbare Möglichkeiten bietet, draußen zu spielen und zu toben. So sind die unteren Klassen viel draußen im Wald, oder im, über die Jahre von 9. Klassen angelegten, Gelände hinter der Schule, mit Terrassen, Bänken, einer Feuerstelle, Klettermöglichkeiten, Beeten und einem Bach. Das andere Gebäude ist ein ehemaliges Hotel, in dem jetzt die Klassen 8-12 untergebracht sind. Beide Gebäude haben eine angenehme Atmosphäre, vor allem das der jüngeren Schüler strahlt viel Geborgenheit aus.

Die Klassen umfassen bis zu 15 Schülern und haben jeweils ihren eigenen Raum. Sie haben 8 Jahre lang einen Klassenlehrer, der eine Sicherheit gebende Struktur schafft und ab der 9. Klasse geht es immer mehr um Selbstständigkeit und Eigeninitiative. In den 4 Oberstufenjahren gibt es 5 mehrwöchige Berufspraktika (Handwerks-, Industrie-, Dienstleistungs-, Sozialpraktikum und Freies Praktikum) sowie verschiedene andere mehrwöchige Projekte, unter anderem die Vorbereitungsphasen auf externe Haupt- und Realschulabschlussprüfungen. Noten vergibt die Schule keine, sondern nur schriftliche Beurteilungen. Vorrangige Ziele der Oberstufenarbeit sind nicht die Abschlüsse, sondern der Erwerb der „Berufswahlreife“ sowie der Erwerb der „Lern- und Studienreife“. Nachdem die erste Generation erfolgreich auf diesem Weg das Abitur abgelegt hat, gibt es jetzt die zweite Gruppe von Schülern, die sich selbst organisiert und mit Unterstützung von Lehrern, zwei Jahre lang auf externe Prüfungen vorbereitet. Dieses Projekt nennt sich „AbiPlus“, was daher kommt, dass es um viel mehr gehen soll als nur um den Abiturstoff.

 In den beiden Wochen war ich die allermeiste Zeit bei Peter Roggenbruck und den fünf Schülern der 12. Klasse, Sophie, Mathilda, Jule, Luca und Jan. Von 9 Uhr (Schulanfang der Oberstufe) bis ca. 13 Uhr war jeden Tag gemeinsame Projektzeit und danach wurde alleine weitergearbeitet.

Erste Eindrücke (17.02.14)

Als ich mit Peter in den Klassenraum kam, waren die 5 Zwölftklässler gerade dabei, sich über ihre Zukunft nach der 12. Klasse zu unterhalten. Wir setzten uns gleich zu siebt an einen runden Tisch, der neben Tafel und Schulbänken stand. Ich stellte mich vor und nachdem Peter mit den Schülern entschieden hatte, in dieser Woche mit dem Thema „Berufswahlreife“ anzufangen, erzählten die 5 von ihren Praktikumserfahrungen. Alle 5 sprachen mit einer großen Klarheit und Authentizität. Überhaupt war es eine sehr ungezwungene, offene und freudige Stimmung. Jeder sagte noch, wie es bei ihm nach der 12. Klasse wahrscheinlich weitergehen werde, wobei bei jedem ein eigener Wille deutlich war. Es war bemerkenswert, wie klar allen war, was sie prinzipiell suchen. Die Schüler hatten deutlich verschiedene Charaktere und waren authentisch mit ihren Charaktereigenschaften, sie wurden in ihrer Individualität akzeptiert. Von Anfang an wurde deutlich, dass alle 5 gerne in die Schule gehen und am Thema großes Interesse hatten. Das zeigt auch die Tatsache, dass ihr Gespräch sich um eben jenes Thema gedreht hatte, als wir reinkamen. Im Unterricht ging es in keinster Weise um ein Thema, zu dem jemand keinen persönlichen Bezug hatte. Stattdessen wurde jeder Einzelne mit seinem Wesen, seinen Erfahrungen und Interessen wahrgenommen und akzeptiert.

Peters Rolle bestand darin, dass er den Rahmen des Arbeitens schuf und dabei eine große Offenheit für die Fragen und Bedürfnisse der Schüler ermöglichte. Nach dem Gespräch gab er ihnen noch mit auf den Weg, worauf es beim Schreiben eines Praktikumsberichts ankomme und nach ca. drei interessanten Stunden gingen alle nach Hause, um dort ihre Praktikumserfahrungen auszuwerten. Es war ein wunderbarer erster Morgen für mich!

Bei Peter in der 12. Klasse

In der ersten Woche war das Thema die Berufswahlreife. Die fünf kamen gerade frisch aus dem fünfwöchigen Freien Praktikum und jetzt ging es darum, die Erfahrungen, die jeder während der fünf Praktika seiner Oberstufenzeit, gesammelt hatte, auszuwerten. Ziel war es, dass jeder anhand der Eigenwahrnehmung, der Wahrnehmung der Anderen und der Beurteilungen der Praktikumsstellen, ein Persönlichkeitsprofil erstellt, in dem die individuellen Fähigkeiten aufgeführt sind. Außerdem haben wir noch auf unsere jeweiligen Schwächen sowie auf die Entwicklungsschritte, die wir während dieser Berufserfahrungen gemacht haben, geschaut. Am Ende haben wir, anhand dieser Auswertungen, jeweils eine Vision der beruflichen Zukunft entworfen. Die meisten Schritte habe ich mitgemacht, ich habe ebenfalls meine bisherigen beruflichen Erfahrungen ausgewertet, versucht meine Stärken und Schwächen zu formulieren sowie eine Vision entworfen.

Die Vormittage liefen meistens so ab, dass wir zu siebt um einen runden Tisch saßen und jeder das vortrug, was er am Nachmittag des Vortages gearbeitet hatte, was ja ganz persönliche Themen beinhaltete. Die anderen ergänzten dann den Vortragenden mit ihrer Beurteilung des mitgeteilten und es wurde darüber gesprochen. Anschließend stellte Peter eine neue Aufgabenstellung, die dann am Nachmittag bearbeitet wurde. Es wurde also immer erst alleine gearbeitet und dann das Ergebnis in der Gruppe behandelt. Das habe ich als sehr fruchtbar und effektiv erlebt. Es gab kein Pensum an Inhalten, das in einer bestimmten Zeit absolviert werden musste, sondern nur die verschiedenen Aufgaben, die jeder so ausführlich behandelte, wie er es eben schaffte. Peter hat den Schülern Angebote gemacht und sie nicht zum Arbeiten gedrängt.

Für den Vormittag war also jeweils klar, dass es darum gehen würde, das zu Hause Geschriebene zu behandeln und dass Peter am Ende eine neue Aufgabenstellung geben würde. Wie das dann genau aussah, ergab sich jeweils aus dem, was die Schüler an Vorstellungen, Ideen und Fragen mitbrachten. Peter reagierte sehr spontan auf das, was von den Schülern kam. So ging er mehrmals auf Jans Wunsch, die aktuellen politischen Geschehnisse anzuschauen, ein und reagierte vor allem bezüglich der Form, in der zusammen gearbeitet wurde, auf die Stimmung in der Klasse. Es war deutlich, dass Peter, selbst bei störenden Aktionen von Schülern, nicht gemaßregelt hat, sondern wenn, dann nur auf Verhaltensweisen hingewiesen hat. Er ist generell mit Lob und Tadel, also mit Kritik, sehr unterschiedlich umgegangen. Wenn Schüler in ihren Texten grammatikalische Fehler hatten, hat Peter diese teilweise ignoriert, weil es gerade um so ein persönliches Thema des Schülers ging. Er höre „mit interessiertem Ohr zu, nicht mit beurteilendem“, an so einer Stelle wolle er nicht beurteilen. Es war auch zu merken, dass er für die einzelnen Schüler verschiedene Formen der Ansprache gewählt hat. Wenn z.B. Luca dran war, hat Peter deutlich ruhiger gesprochen also bei Jan. Ein anderes Element mit dem er gearbeitet hat, war das „Wissen-Liefern“. In manchen Phasen hat er die Schüler „ganz bewusst“ mit viel Wissen konfrontiert. Dann hat er teilweise auch viel aus seinem eigenen Leben erzählt.

So hat er an einem Tag gezielt viel Wissen von „engen Denkstrukturen“ einfließen lassen. Als es um die Berufswelt ging, hat er viele enge Denkmuster aus der Berufswelt gebracht, im Sinne von „wenn man XY tun will, muss man Schein436 haben“. Peter meinte, dass er die Schüler damit konfrontiert habe, da er früh gemerkt habe, dass eine Schülerin sich nicht auf das Konkrete in der Aufgabenstellung einlasse. So habe er sie zum Denken angeregt und die Schüler seien nun durch das komprimierte Wissen „gespannt wie eine Feder“. Er arbeite viel mit unterschiedlichen Denk- und Gefühlsstrukturen, gerade in Hinblick auf die Elemente Enge und Weite. Die nächste Aufgabe nach diesem Tag war es, eine Berufsvision fürs gesamte Berufsleben zu entwickeln. Die Vision zu schreiben, war eine tolle Sache und die Visionen der Anderen zu hören ebenfalls. Aus diesen Visionen konnte man sehr viel über die einzelnen Menschen herauslesen und es war eine wunderschöne gedankliche Weite im Raum.

Noch am selben Tag fingen wir mit dem zweiten Thema, der Vorbereitung auf das Projekt Realschulabschluss, an, was bedeutete, dass wir aus der Weite sehr in die Enge gingen. Peter ist keiner der Fachlehrer, die die Schüler in den nächsten viereinhalb Monaten inhaltlich auf den RSA vorbereiten werden. Er begleitet die Klasse stattdessen in ihrem Lern- und Arbeitsprozess, es ging also um das „Wie“ und nicht um das „Was“.

Als erstes stellte Peter die Frage, mit welchen Gefühlen, Erwartungen und Vornahmen die Schüler denn in dieses Projekt starten würden. Daraufhin gab Peter einigen Input. Er wies nochmal darauf hin, dass niemand das Projekt machen müsse und dass man jederzeit aussteigen könne. Die Fünf könnten selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie von den Lehrern bekommen wollen und sie seien für den Lernprozess selbst verantwortlich. All das machte er vor allem anhand von Beispielen vorheriger Klassen deutlich, so dass viele Bilder entstanden. Auf Äußerungen von Schülern ging er direkt ein, indem er Verständnis zeigte, Tipps gab und Mut machte. Peter war sehr „präsent“, er gab wirklich viel Input. So waren die Schüler sichtlich mit der Frage konfrontiert und wurden sehr nachdenklich. In dieser Stimmung und mit der Frage als Aufgabe, gingen sie nach Hause und wir trafen uns am nächsten Morgen wieder.

Es war bereits der letzte Tag, an dem wir arbeiteten, da am nächsten Tag bereits der „Schmutzige Dunschtig“ war, an dem wir mit der ganzen Oberstufe ein Völkerballturnier machten, bevor es in die Fastnachtsferien ging. Peter begann den Unterricht, indem er von einer eigenen Prüfungssituation erzählte, vor der er gerade stehe. Er sei sehr unsicher und am zweifeln, da er schlecht vorbereitet sei und ihm die Zeit fehle, sich noch genügend vorzubereiten. So zeigte er den Schülern, dass sie mit etwaigen Zweifeln und Ängsten nicht allein seien, sondern sogar ihr eigener Lehrer in einer ähnlichen Situation sei. Nun erzählte ein Schüler von seiner seelischen Situation in Bezug auf das RSA Projekt, die sehr von Unsicherheit und Zweifeln geprägt war. Wenn er etwas äußerte, fragte Peter auch die Anderen, wie es bei ihnen an diesem Punkt aussehe. So entwickelte sich eine sehr offene Gesprächsrunde. Die Schüler erzählten auf Peters Frage hin, wie die Situation mit ihren Eltern sei, ob diese ihnen genug helfen würden und ob sie ihnen zu viel Druck machen würden. Es ging um das Verhältnis zwischen Schwere und Leichtigkeit der Verfassung mit der die Schüler in das Projekt starteten. Es ging Peter vor allem darum, den Schülern zu zeigen, dass sie ihre Sorgen, Fragen und Unsicherheiten nicht alleine tragen müssten, sondern dass die Gruppe das Projekt auch auf dieser Ebene gemeinsam absolvieren könnte.

Er führte die Schüler auch gezielt zu ihren Lern- und Arbeitsbeziehungen untereinander. Als die Konzentration nachließ, reagierte er, indem er vom Gespräch zu einer anderen Arbeitsform wechselte, er ließ die Schüler erst ihre menschlichen und dann auch ihre inhaltlichen Wünsche an die jeweils Anderen formulieren und vorlesen. Sie beschrieben beeindruckend klar Eigenschaften der Anderen und es war spannend, wie sie dadurch in Bezug zueinander traten. Als ein Schüler auf eine der Aufgabenstellungen widerwillig reagierte, brachte Peter einen lustigen Spruch, „um ihn abzulenken“ und „aufzulockern“, was sichtlich funktionierte.

 Auf die Frage eines Schülers hin, sagten alle ihre Wunschnote für den RSA, wodurch schnell der Druck zum Thema wurde. Peter fragte die Schüler, wie sie mit Druck umgehen würden. Einzelne offenbarten daraufhin, wie schon vorher, sehr persönliche Zweifel und Ängste, womit Peter dann umging. Er ging lange auf einen Schüler ein, der besonders unter Druck stand. Durch Fragen führte er ihn zu Handlungsansätzen, die ihm sichtlich Orientierung und Mut gaben. So veränderte sich die ganze Stimmung von zweifelnder Bedrückung hin zu mehr Sicherheit und Leichtigkeit. Gegen Ende des Vormittags gab Peter ihnen die Aufgabe, sich auf ihre jeweiligen Stärken zu besinnen und jeweils einen „Energiesatz“ zu formulieren. Einer lautete beispielsweise „ich gehe ehrgeizig und fleißig durch das Tor des Realschulabschluss“. Das war dann sozusagen ein ermutigender Abschluss der „Ausrichtungstage“. Es war unheimlich beeindruckend, auf was für einer tiefen seelischen Ebene die Schüler sich öffneten und was für Bewusstwerdungsprozesse stattfanden. Peters Arbeit ging weit über die reine Wissensvermittlung hinaus, er begleitete vielmehr wesentliche persönliche Entwicklungsprozesse.

Am letzten Tag erlebte ich noch das Völkerballturnier der Oberstufe, bei dem es sehr humorvoll und doch auch konzentriert zuging. Alle waren verkleidet, auch die Lehrer; und diese spielten den ganzen Vormittag über konsequent die lustigen Rollen, in die sie mit ihrer Verkleidung geschlüpft waren.

Mathematik in der 9. Klasse

An zwei Tagen war ich morgens bei der 9. Klasse, die gerade Mathematik Epoche bei Christian hatte. Wie die 12., ist auch diese Klasse sehr klein, sie hat gerade mal 7 Schüler. Im Gegensatz zum Unterricht in der 12 Klasse, habe ich einen inhaltlich sehr geführten Unterricht erlebt.

Nach einem Kopfrechenteil ging es los: Christian hatte eine Problemstellung gegeben, auf deren mathematische Lösung jetzt hingearbeitet wurde. Dabei baute er Gedanke um Gedanke logisch aufeinander auf und versuchte die Schüler mitzunehmen. Er war merklich darauf bedacht, auf jeden einzugehen. So sprach er auch Schüler einzeln an und stellte ihnen entsprechend ihrem Leistungsniveau Fragen. Wenn er Fragen an alle stellte und jemand eine Idee für die Lösung hatte, ließ er ihr oder ihm Zeit und Gelegenheit, den Anderen die Idee zu erklären und sogar selbst auf den Fehler zu kommen, wenn einer vorlag. Er fragte aber nicht endlos die Schüler, sondern gab nach ein paar Antwortversuchen selber die Antwort. Alle Gedankengänge veranschaulichte er mit Zeichnungen an der Tafel und die Schüler zeichneten dann alles ab. Dabei war für ihn Zeit, um mit Einzelnen zu sprechen. Danach wurde das entdeckte Prinzip der Scherung angewendet, indem ein Quadrat zu immer höheren Rechtecken geschert wurde. Das machte Christian an der Tafel und die Schüler machten es auf ihren Blättern, wobei sie sich an Christian orientieren konnten. So arbeiteten alle konzentriert bis zum Ende des knapp zweistündigen Unterrichts. Wenn ein Schüler ein Problem hatte, fragte er Christian um Hilfe, der dann zu ihm kam und ihm half. Was nicht fertig gearbeitet wurde, sollte zuhause gemacht werden.

Das ganze Unterricht hatte ein Tempo, bei dem kein Stress entstand, wenn es für jemanden zu schnell ging, konnte er jederzeit Bescheid sagen. Trotzdem hatte der Unterricht Zug. Christian benutzte die Fachsprache und versuchte nicht, den Stoff irgendwie „mundgerecht zuzubereiten“. Es war ein sehr wissenschaftlicher Unterricht. Im Prinzip führte Christian seine Gedankengänge zur Lösung der Problemstellung, logisch aufeinander aufgebaut und anschaulich, vor und versuchte die Schüler mitzunehmen.

Das Kernfächerlernen

Das Kernfächerlernen ist für die Klassen 9 und 10, es ersetzt den Fachunterricht für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Jeder Schüler hat ein „Lerntagebuch“, in dem für alle drei Fächer Lernbausteine aufgelistet sind, die er sich dann nach und nach vornimmt. Jede Woche wählen die Schüler zwischen den drei Fächern aus und arbeiten jeden Tag 2 Stunden in diesem Fach. Alleine, zu zweit oder auch in kleinen Gruppen kann jeder in seinem Tempo und auf seinem Niveau lernen. Das Kernfächerlernen hat zum Ziel, „dass der einzelne Schüler ein Bewusstsein über das eigene Lernverhalten entwickeln kann, um eigenverantwortliches Lernen und Arbeiten zu erreichen“. Jeden Montag hält der Einzelne seine Vornahmen schriftlich fest und spricht sie mit dem jeweiligen Fachlehrer ab. Diese Wochenziele werden jeden Freitag in einem persönlichen Beratungsgespräch mit dem verantwortlichen Fachlehrer reflektiert. „Dadurch können Lernverhalten, Lernstand und Lernfortschritt festgestellt werden, um die nächste Vornahme zu setzen.“

Als ich beim Kernfächerlernen in Deutsch dabei war, saßen wir zu siebt um einen Tisch herum und die meiste Zeit arbeiteten alle konzentriert. Simone, die Lehrerin, half die meiste Zeit einem Zehntklässler, der noch nicht lange Deutsch sprach, zwei Zehntklässler sowie eine Neuntklässlerin arbeiteten jeweils an Textanalysen und ein Achtklässler (die Achtklässler schnuppern immer ab Weihnachten bis zum Schuljahresende ins Kernfächerlernen rein) bearbeitete ein Arbeitsblatt. Es war eine angenehme Atmosphäre, die nur von Zeit zu Zeit von zwei der Zehntklässler gestört wurde, die sich schlecht konzentrieren konnten und redeten, oder andere Geräusche machten. Simone ermahnte die Schüler dann aber nicht, sondern akzeptierte es. So trieb sie die Schüler nicht an und drängte sie nicht zur Arbeit, wodurch die Schüler wirklich selbst initiativ werden mussten.

Am nächsten Tag war ich wieder im Kernfächerlernen Deutsch, es war Freitag und deshalb standen die Reflexionsgespräche an. Simone besprach einzeln mit den Schülern ihre Wochenleistung. Erst zogen die Schüler selbst ein Fazit, wozu Simone ihnen dann Fragen stellte. Beispielsweise „bist du mit deiner Leistung zufrieden?“ und falls sie das nicht waren, fragte sie „was könntest du verändern?“ und „was könnte ich tun, um dir zu helfen?“ Die beiden Zehntklässler, die sich am Vortag so schlecht konzentrieren konnten, waren beide mit ihrer Leistung unzufrieden. Es war deutlich zu merken, wie sie mit sich rangen und dass sie eigentlich arbeiten wollen. Erst am Ende des jeweiligen Gesprächs beurteilte Simone, wie sie die Wochenleistung des Schülers sehe. Es wurde deutlich, wie stark es beim Kernfächerlernen um die Eigeninitiative der Schüler geht und dass sie nicht gezwungen werden. Mein Eindruck ist, dass es wirklich um den Prozess ging, sich das eigene Lernverhalten bewusst zu machen und daran zu arbeiten.

Die Zeit bei Peter und überhaupt in der Freien Schule Elztal hat meine Erwartungen und Hoffnungen weit übertroffen. Ich habe beeindruckende Schüler und Lehrer erlebt, spannende Schulstrukturen und Unterrichtsformen sowie in Peter einen besonders beeindruckenden Lehrer begleitet, von dem ich unheimlich viel mitnehmen konnte. In seinem Unterricht war ich nicht bloß Praktikant und Beobachter, sondern habe zum Teil wie die Schüler mitgemacht. Und auch das hat mir enorm viel gebracht, gerade in Sachen Selbsterkenntnis und Zukunftsvorstellungen. Ich habe mich im Elztal sehr wohlgefühlt und eine intensive, lehrreiche Zeit erlebt. Dafür bin ich allen Menschen, die dazu beigetragen haben und vor allem Peter sehr dankbar und war sicher nicht das letzte Mal in der Freien Schule Elztal.

Heilpflanzenkunde – Diemut

Eigenes Seminar

Schon seit meiner Kindheit bin ich auf regelmäßigen Spaziergängen den Spuren der Pflanzen gefolgt und wollte bald auch um ihre Heilwirkung wissen. In meiner Jugend stellte ich dann mit meiner Mutter zusammen, die mir eine Lehrerin war, erste Naturkosmetika und Hausmedizin her.

 

In der Experimentierphase unsere Projektes, sprich bis April, erkor ich auch die Heilpflanzenkunde zu meinem Experimentier- und Orientierungsfeld aus. Ich wollte herausfinden, ob dies meine Berufung ist oder werden könnte.

Nun habe ich seit September entsprechend den Jahreszeiten an dem Thema gearbeitet. So verarbeitete ich im Herbst meine gesammelten Wurzeln, Blätter und Blüten zu Ölen, Salben und Heilmitteln. (z.B. Johanniskraut-, Arnika- und Calendulaöl, entsprechende Salben, Gesichtstonikum, Schlaftee, entzündungshemmende Tees). In den Wintermonaten passierte weniger, doch in den letzten zwei Februarwochen legte ich eine Heilpflanzenkunde-Zeit ein.

Hier war mein Ausgangspunkt folgender:

Zum einen leide ich zur Zeit unter Rücken-, Knie- und Kopfschmerzen. Hierfür wollte ich recherchieren, wie ich mir helfen kann und was für ein Kraut dafür gewachsen ist. Zum anderen blüht gerade die Hamamelis, die ich gut verarbeiten kann.Da heraus widmete ich mich erst einmal zwei Büchern: „Die Apotheke Gottes“ von der Nonne Maria Treben (welches ich schon lange nutze); den Herstellungsbeschreibungen von der Heilpflanzenkundigen Susan.S. Weed. Zusätzlich stöberte ich in „Mit der Wildnis verbunden“ von Susanne Fischer-Rizzie.Ich fand was ich suchte und als mein eigener „Proband“ stellte ich ein Schmerzöl für den Rücken, ein Hamamelis-Gesichtswasser, Hamamelis-Dekoktum – und Essenz zur unterschiedlichen Weiterverwendung her .

Hauptsächlich aber ging es mir dieses Mal um die theoretische Arbeit:

Die genauen Herstellungsarten zu lernen, die Bestimmung von u.a. Hamamelis und Wundklee, die Unterscheidung verschiedener Ursachen bzw. verschiedenem Auftreten von Kopfschmerzen und Rückenschmerzen und bei Spaziergängen bekannte Pflanzen zu entdecken, oder neue zu bestimmen, also meine Achtsamkeit weiter zu schulen.

 

Insgesamt waren das sehr spezifisch angelegte Wochen, aus denen auch kaum Ergebnisse, sondern mehr angefangene Studien, Ideen und Wissen entstanden ist. Aber genau das lässt mich jetzt dastehen mit dem Wunsch, weiter zu machen und diesen Weg bis hin zur „Professionalität“ zu gehen.

Ich habe mir auch gleich erfolgreich eine Weiterbildung bei einer Heilkräuterfrau in Freiburg ab April organisiert und freue mich unglaublich, so eine deutliche Spur meines Interesses gefunden zu haben und diese weiter zu verfolgen.

 

Diemut in der „normalen Welt “ (: – Bericht aus der Uni Freiburg

Ich machte im Februar einen zweiwöchigen Ausflug in die Universität Freiburg und nahm dort an Soziologie- und Ethnologie- Veranstaltungen teil. Hier ein kleiner Erlebnisbericht:

Zuerst ein paar Begriffsklärungen, wie sie mir in der Uni begegnet sind:

  1. Feldforschung Definition:

systematisches, an Ort und Stelle vorgenommenes Sammeln von wissenschaftlich auswertbaren Daten über Verhältnisse in der Wirklichkeit„ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Feldforschung)

empirische Forschungsmethode zur Erhebung empirischer Daten mittels Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Feldforschung)

2. Moderner Begriff eines Wissenschaftlers bei seinen Feldforschungen:

teilhabender Beobachter“. „Teilhabend“ wurde spätestens nach der reflexiven Wende akzeptiert, und so auch, dass es keine „ rein objektive“ Forschung gibt. Aber es ist immer noch höchstes Ziel, so wenig wie möglich in die jeweilige Forschung als Subjekt mit einzuwirken.

Nun zur Ethnologie:

Ethnologie-Seminare besuchte ich weniger als Soziologie-Seminare. Veranstaltungen waren:

Angewandte Ethnologie

Grundlagen der Politik-Ethnologie

Indonesien und seine Kultur

Regionen im Vergleich- Der Süden der USA und der Norden Mexikos

Dekolonialisierung

In dem Seminar „Religionskonflikte südliches Afrika“ hatten die Studenten Themen ausgearbeitet, die sich als mögliche Forschungsprojekte vorschlugen. Z. B.:

Die Stadt-Land Beziehungen vieler Familien- was für eine Veränderung im Sozialen bringen sie mit sich?

Kapstadt- eine orientierungslose Stadt nach der Arpeitheit oder ganz neues Kulturzentrum?

An diesem Seminar wurde mir ein Unterschied zur Soziologie bewusst: In der Ethnologie fragt man viel konkreter nach den Verhältnissen. So fragt man in der Soziologie Was ist Globalisierung“, in der Ethnologie jedoch fragt man, Wie wirkt sich eine Fernbeziehung auf das Familienleben in Südafrika aus?

Die Ethnologie geht also viel exemplarischer vor. Das bringt ihr einerseits stichfeste, klare Ergebnisse, kann aber nur selten allgemeine Prinzipien für andere Menschen oder Erdteile aufstellen, was wiederum die Soziologie als Hauptanliegen hat, die Gesellschaft als Ganzes, nicht ihre einzelnen Erscheinungen zu betrachten.

In „angewandte Ethnologie“ wurde versucht, die „Aufgabe der angewandten Ethnologie“ zu definieren:

Ethnologen sind Mittelsmänner, die die Grundlagen der ethnischen Begebenheiten und das Machtgefüge am jeweiligen Ort und verschiedener zerstrittener Parteien kennen und versuchen, durch gegenseitiges Verständnis eine Schlichtung zu erreichen.

Parallel besuchte ich Seminare und Vorlesungen der Soziologie:

Zuerst bekam ich einen Eindruck von Foucaults Werken und Ansichten :

Foucaults Buch „Maschen der Macht wurde ausschnittsweise durchgenommen. Hier wurde vor allem der Begriff Bio-Macht angeschaut ,welcher in etwa so definiert wurde:

Bio-Politik/Bio-Macht: Der Begriff Bio-Macht (französisch: le biopouvoir), bezeichnet Machttechniken (zunehmend auch Biopolitik genannt), die „nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Bevölkerung zielen“, insbesondere auf die Regulierung ihrer Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Wohnverhältnisse, u.a.. Das Ziel der Bio-Macht bei Foucault ist die Regulierung der Bevölkerung.

Im Anschluss sollten die Studenten ein Buchkommentar zu einem von ihnen gewählten Thema schreiben. Im Tutorat wurden die förmlichen Regeln, wie man einen Buchkommentar schreibt, wie, Einleitung, Durchnummerierung, Zitate setzen, Quellen -verzeichnis und dergleichen anzulegen sind.

Des weiteren kam in Soziologie immer wieder die Diskussion auf, wie zeitgemäß diese überhaupt noch in einem „globalen“ Zeitalter sei, in dem doch viel globaler ausgerichtet, analysiert werden müsste, nicht so eurozentristisch, oder zumindest westlichen Gesellschaftsformen zugewandt, wie die ganze Soziologie bis jetzt ausgerichtet sei.

Interessanter für mich wurde es dann, als folgende Hausarbeits-Themen in anderen Soziologie-Seminaren wie zum Beispiel „Globalisierung“ angeführt wurden: Dieses Seminar besuchte ich am häufigsten und behandle es hier auch am ausführlichsten

Vorschläge für Hausarbeiten waren unter anderem:

Wie bewirkt die Medienwelt Skandale?

Singapur – Wie wird mit der Angst um Arbeitsplätze der lokalen Einwohner umgegangen bei den immer steigenden ausländischen, dort ansässigen Unternehmen?

Entwicklungshilfe- Ein kritischer Blick auf Patenschaften – ein neo-kolonialistsiches Phänomen?

Eine neue, ernstzunehmende Familienform: Die Internetbeziehung – Was für eine Rolle spielt sie, und wird sie spielen?

Securitization“: immer häufiger gerechtfertigt, vorgenommenes Phänomen- Was macht es mit der Gesellschaft und ihrem Bewusstsein bezogen auf mündige Bürger und Demokratiebewusstsein?.

Globale Ungerechtigkeit: Bedeutung der Frauen, die im Ausland in reichen Familien arbeiten

Thema meiner letzten Seminare in der Soziologie war dann die Globalisierung als solche:

Es wurden 3 Definitionen von Globalisierung dargestellt ,die von unterschiedlichen Soziologen entwickelt worden sind:

Globalisierung als:

  • Continuation of modernity

  • Extention of modernity

  • rupture of modernity

Zur ersten Definition, Continuation of modernity:

Dazu haben sich vor allem Wallenstein und Giddens bekannt. Hier wird der Fortschritt des Westens beschrieben, der Schritt für Schritt in alle Lebensbereiche und Erdteile vordringt und so erst die Moderne und als Konsequenz die Globalisierung hervorbringt.

Zur zweiten Ausführung, die Globalisierung als Extention of modernity:

Dieser Theorie hat sich überwiegend Eisenstadt gewidmet: Es verliert sich hier schon der Euro-Zentrismus, da der Fortschritt überall auftaucht ,aber er ist doch noch ausgehend vom Westen und wenn nicht kopiert, dann doch orientiert am Weg des westlichen Fortschritt.

Und zuletzt zur dritten Form, dem Rupture of modernity:

Hierzu hat sich u.a. Pieterse geäußert: Er ist gegen den Euro-Zentrismus, von dem die Moderne ausgeht, da ihm zufolge Moderne immer schon existiert habe, in Form von Mobilität und Interdependenz. Er kritisiert den Mangel an einer umfangreichen Sichtweite der Soziologie, die nicht interdisziplinär forsche und der so Phänomene außerhalb europäisch-nordamerikanischer Sicht fehlten. Da Pieterse diesen Schritt geht, weist er auf die Globaliserung hin, die überall zu sehen sei und eben nicht mehr den Fußabdruck Europas trage, sondern an jedem Ort in einer völlig anderen Form erscheine.

Geht man hier noch einen Schritt weiter, trifft man auf das „concept of hybridity“ (Vermischung von zwei Dingen, es kommt ursprünglich aus der Biologie und wird nun in der Soziologie bei Vermischung der Kulturen verwendet). Vermehrt verwendet wird dieses bei der Kritik der Konzepte von Nationen, oder traditionellen, eigenen Kulturen, da zu beachten sei, dass es in den meisten Teilen der Welt unvermischte Kulturen und Ethnien gar nicht mehr gebe. So in Europa, ganz Amerika, Australien sowie Teilen Afrikas und auch Asiens.

Und nun noch Eindrücke über die Wissenschaft oder das wissenschaftliche Arbeiten der von mir besuchten Lehrveranstaltungen:

Die Studenten (nicht nur Erst-Semester) schienen mir sehr unselbstständig und ich erkannte wenig Forschergeist bei ihnen, der selbst etwas entdecken möchte. Eher erkannte ich das Wollen, nur die Hausarbeit richtig abzugeben.

Der Tutor musste ein Dreiviertel der Zeit füllen, die Texte zur Vorbereitung waren im Durchschnitt von zwei Studenten gelesen und da wo Zeit für Fragen gewesen wäre, im Tutorat, wussten die Studenten kaum welche zu stellen.

Von Seiten der „Institution“ der Dozenten usw. ist allerdings schönes zu berichten: Sie hielten nichts von Anwesenheitspflicht und wollten die Studenten gleich als mündig behandeln. Sie ließen die Verantwortung für das Studium bei den Studenten und an Diskussionen habe ich in der zwölften Klasse schon Aufregenderes erlebt.

Andererseits: Wenn es darum geht, den Studenten das Ideal aufzuzeigen, aus Interesse und Forschergeist heraus zu arbeiten, und nicht der Erfüllung von Vorgaben nachzueifern, sondern der Wissenschaft und ihrem Inhalt selbst, habe ich davon auch wenig erlebt. So scheint mir, bekommen die Schüler weder in der Schule (dort schon gar nicht), noch an der Uni eine Idee von dem wissenschaftlichen Ideal. Dieses aber ist meines Wissens nach von Goethe über Humboldt bis zu Steiner als notwendiger und zu erstrebender Kern und Sinn der Wissenschaft aufgefasst worden.

Ein Tutor berichtete mir von der Methode an der Uni Maastricht, wie man sich dort auf Seminare vorbereite. Ich bemerkte begeistert, dass sich diese fast mit der Vorbereitungsmethode von meiner Abiplus-Zeit (selbstständige Vorbereitung auf das Abitur) deckte: Um nicht unvorbereitete Studenten in Seminaren zu haben, werde nach dieser „problem-based-learning“-methode (unschöner Name meines Erachtens) im Seminar eine Vordiskussion über das zu erarbeitende Thema gehalten, sodass die Studenten schon einen ersten Input und Geschmack des Themas bekämen. Dann solle der Text zuhause erarbeitet werden und in der nächsten Seminar Stunde sei dann Zeit, das Thema auf einem höheren Niveau nach zu besprechen und zu vertiefen. Doch ich habe das in keinem der von mir besuchten Seminare erleben können.

Natürlich besuchte ich auch ein Seminar zur empirischen Sozialforschung:

Am Beispiel einer internetbasierten Datenerhebung wurden die quantitativen Forschungsmethoden erarbeitet, in denen die Probanden durch ihre Browser-history oder den Chatverläufen beobachtet werden. Hier kann nur eine quantitative Methode angewandt werden, da nur die anonymen Verhaltensmuster nach der Häufigkeit bemessen werden können.

Dagegen erhebt die qualitative Forschungsmethode Daten, die sich auf das Individuum ausrichten z.B. Durch Interviews, da mehr die Akteuroperspektive beachtet werden soll, einen offeneren Charakter hat und, für manche kritisch, aus der interpretativen Soziologie kommt.

Zwischen ihnen wird sich bis hinunter zum Student gestritten. Etwas lächerlich für mich war der Punkt, dass beide Methoden zugeben, nicht objektiven Anspruch haben zu können, doch dann behauptet jede für sich, die bessere zu sein und das aus allen Gesichtspunkten heraus. – Ein Widerspruch in sich. –

Diskussionsgrund gab es auch schon bei der quantitativen Forschungsmethode, da hierzu immer mehr das Netz und seine Nutzer Forschungsfeld sind, doch meistens ohne dass die Nutzer von ihrer Beobachtung wissen. Das mag für die authentische Aussage wichtig sein, gab aber doch moralisch zu denken und führte zu gegenteiligen Meinungen unter den Studenten.

Zuletzt bekam ich noch eine Lehrveranstaltung der Grundlagen der Soziologie mit, in der Foucaults Werk „Maschen der Macht“ Thema war. In der Vorlesung, die ich besuchte, wurden seine verschiedenen Machtformen behandelt. Der Professor erweiterte die Beschreibungen Foucaults noch um seine eigene Arbeit, die er dem Machtbegriff gewidmet hatte.

Zu guter Letzt mein Schluss-Eindruck der 2 Wochen:

Zu den Veranstaltungen, die ich besuchte, ist zu sagen, dass ich wirklich sehr sehr unterschiedliche Qualitäten erlebt habe und aus manchen gar nichts, aus anderen dagegen große fachliche Zusammenhänge mitgenommen habe. Das lag natürlich auch an meinen Vorkenntnissen und nicht nur an den Seminaren.

Bei Methode, Aufbau und Struktur der Lehrveranstaltungen war ich von der Institution überrascht: Es wird den Studenten viel Raum für eigene Ideen und Fragen eingeräumt, Selbstständigkeit und Initiative vorausgesetzt und eine Anwesenheitspflicht von Seiten der Lehrenden abgelehnt. Damit behandeln sie die Studenten erst mal doch ganz ordentlich wie Mündige, wie mir scheint.

Eher kritisch wurde ich bei dem Verhalten der Studenten, das teilweise von Unselbstständigkeit, Interessenmangel und mangelnder Initiative gezeichnet war. Ob das nur die logische und unverschuldete Folge von einem umso strikteren und unselbstständigen Schuldasein ist, wäre höchst spannend anzuschauen, geht hier aber zu weit.

Inhaltlich entwickelte ich selbst gerade in den letzten Tagen eine große Begeisterung für die Ethnologie. Dieses Fach erscheint mir (von einem forschenden Dozent bestätigt) viel forschungsbezogener und exemplarischer, als die Soziologie. Dort ist man mehr gefragt, eigene Forschungen zu entwickeln, an verschiedensten Orten der Welt zu arbeiten und so die „europäische Sicht „weniger auszuprägen und weniger mit und an Theorien als Forschungsobjekt zu arbeiten, was in der Soziologie mehr der Fall ist.

Sinnvoll erscheint mir, nachdem in einem Soziologie-Seminar auch genau das Problem der beschränkten „soziologischen Perspektive“ diskutiert wurde, ein Studium interdisziplinär auszurichten und z. B. Nicht nur Ethnologie, sondern sowohl das, als auch Kurse in Soziologie ,Politik ,Geschichte und Ökonomie zu belegen. Dies mit dem Ziel und im Rahmen eines Studiums, was mich eher die Zugsamenhänge begreifen lässt und so nach Humboldt „mehr Mensch werden lässt“. Doch damit möchte ich nicht sagen, dass ich sozusagen 5 Studiengänge gleichzeitig studieren möchte, denn ich glaube, da würde ich nie in die erforderliche Tiefe eines Sachgebietes kommen. Ich würde einen Themenbereich, jeweils unter den verschieden Fach-Perspektiven erarbeiten.

 

Wirtschaft- Der Vekehr von Wert – SeminarBericht

Wirtschaft – Der Verkehr von Wert

 

In der Dorfuniversität Dürnau hat uns Rolf Reisiger eine Woche lang in die Grundlagen der Wirtschaft eingeführt. Dies sind unsere Erkenntnisse aus dieser Wirtschaftsschnupperwoche.

von Diemut und Lukas

 

Wenn man den Wirtschaftsteil einer Zeitung aufschlägt, oder in einem Laden die Produkte betrachtet, wird man kaum reale Wirtschaftsvorgänge beobachten können. Das macht die Wirtschaft zu einem hochkomplexen Thema und führt schnell zu Irrtümern. Um Wirtschaftsvorgänge zu finden, die nicht von politischen, rechtlichen, soziologischen oder sonstigen Einflüssen verzerrt sind, muss man lange suchen. Beim Bauer der seine Kartoffeln anpflanzt und diese auf dem Markt verkauft, kann man vielleicht noch reale Wirtschaft vorfinden, sobald aber beispielsweise Subventionen gewährleistete werden, die er für den Anbau von Kartoffeln kassiert, liegen verzerrte Bedingungen vor. Das meiste, was in unserer heutigen Wirtschaft stattfindet, ist eigentlich völlig herausgelöst aus realen Wirtschaftsvorgängen, man könnte auch sagen, dass es auf dem Mars stattfindet. Wenn Firmen ganz andere rechtliche Bedingungen haben als Einzelpersonen, wenn sie steuerlich begünstigt sind und beispielsweise 90% der EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) -steuer erstattet bekommen, ist das weit entfernt von realer Wirtschaft.

 

Die Grundbegriffe der Wirtschaft: Natur, Arbeit und Kapital

Der erste wirtschaftliche Wert entsteht durch die Anwendung von Arbeit auf die Natur. Die Natur ist das Gegebene aus dem man schöpfen kann und die Arbeit ist die Tätigkeit des Menschen. Im wirtschaftlichen Sinne ist Arbeit aber erst dann Arbeit, wenn sie für andere verfügbar ist. Wenn ich mir selbst in der Nase bohre, ist es also noch keine Arbeit, wenn ich jemand anders in der Nase bohre, dagegen schon.

Solche Wertschöpfung geschieht beispielsweise, wenn ich Äpfel pflücke und diese dann für andere verfügbar werden (zum Beispiel indem ich sie verkaufe). Wenn ich die Äpfel pflücke und sie dann selber, bzw. mit meiner Familie esse, ist das kein wirtschaftlicher Vorgang. Natürlich könnte man jetzt sagen, dass ich die Äpfel ja meiner Familie verfügbar mache, aber im Normalfall gehören die Äpfel genauso mir, wie den Menschen mit denen ich zusammen lebe und stehen so der Gesellschaft nicht zur Verfügung.

 

Ein zweiter wirtschaftlicher Wert, das Kapital, entsteht durch das Anwenden von geistigen Fähigkeiten auf das Naturprodukt. Das Kapital entsteht wie die Arbeit, die ich auf die Natur anwende um ein Naturprodukt zu bekommen, durch eine Tätigkeit und Möglichkeiten des Menschen. Allerdings im Gegensatz zu ersterer, die zum Großteil körperlicher Art ist, hauptsächlich durch eine geistige. Die geistige Arbeit an sich würde noch nicht das Kapital darstellen, sondern erst deren Anwendung auf ein Naturprodukt. Meine Ideen und Möglichkeiten, die ich für das Naturprodukt habe und anwende, sind mein Kapital. In diesem Sinne ist auch Joseph Beuys´ Formel „Kunst = Kapital“ zu verstehen.

Beim Apfelbeispiel entstünde das Kapital dadurch, dass ich geistige Arbeit auf die Äpfel anwende, beispielsweise indem ich entscheide, was ich mit ihnen mache bzw. wie ich sie anderen verfügbar mache. Mache ich Apfelmus, Apfelsaft oder gebe ich sie so weiter? Verkaufe ich sie auf dem einen Markt oder auf dem anderen?

 

Oder kurz und knapp:

 

Natur + Arbeit = Wert 1 (Naturprodukt)

Naturprodukt + geistige Arbeit = Wert 2 (Kapital)

Neben diesen beiden Formeln gibt es noch einen 3. Hauptfaktor, der wirtschaftlichen Wert schafft, nach Rudolf Steiner die „Wertebildende Spannung“. Diese bezeichnet das Phänomen, dass Produkte aufgrund unterschiedlichster (beispielsweise psychologischer oder politischer) Faktoren, an Wert gewinnen oder verlieren. Wenn zum Beispiel ein bestimmtes Auto in der Werbung ganz toll dargestellt wird, von einem Prominenten benutzt wird, oder vom ADAC als „Auto des Jahres“ gewählt wird, kann das den Wert des Autos schlagartig erhöhen, weil auf einmal jeder das Auto fahren will. Das ist auch bei seltenen oder singulären Produkten der Fall. Der Wert eines Ersatzteils für einen VW-Käfer kann enorm ansteigen, wenn es nicht mehr produziert, und dadurch immer seltener wird. Bei einem Vincent van Gogh-Gemälde kann der Wert aufgrund seiner Singularität ebenfalls enorm ansteigen, wenn es entsprechend „wertgeschätzt“ wird, das heißt wenn die Nachfrage sehr hoch ist.

 

Wert und Preis

Der Wert eines Produktes entsteht durch die Mühe, die darauf verwendet worden ist. Wenn ich auf den Baum klettere um einen Apfel zu pflücken, hat dieser einen höheren Wert, als der Apfel, den ich vom Boden auflese, weil es mich mehr Mühe kostet, ihn zu ernten. Dieser Wert ist aber nicht bezifferbar und deswegen gibt es den Preis. Ein Beispiel dafür, dass der Wert eines Produktes nicht bezifferbar ist, ist ein verfaulter Apfel, der für den einen nichts wert ist, für den anderen aber vielleicht sehr viel, weil er verfaulte Äpfel sammelt. Wirtschaftsgüter haben also einen Preis, der mit dem wirklichen Wert nicht viel zu tun haben muss, aber eine Bezifferung dessen ist.Der Preis ist also dazu da, Wirtschaftsgüter vergleichbar und somit handelbar zu machen. Nur wie kommt der Preis zustande? Schnell denkt man da an die geflügelten Worte „Angebot und Nachfrage“. Das ist im Prinzip auch richtig, allerdings denkt man oft nur an Angebot und Nachfrage von Produkten. Wenn also wenige Häuser zum Verkauf stehen, aber viele Menschen ein Haus suchen, müssten konsequenterweise die Häuserpreise ansteigen. Aber was ist im Falle einer Inflation oder Deflation? Im Falle einer Inflation, wenn also die Kaufkraft des Geldes immer geringer wird, würden die Hausbesitzer die Häuser mit Sicherheit nicht gerne verkaufen, da sie damit rechen, dass das Geld, dass sie bekommen würden, immer mehr an Wert verliert. Die Häuserpreise würden durch die Inflation also mit Sicherheit viel stärker ansteigen, als durch Angebot und Nachfrage von Häusern an sich, da die Nachfrage nach Geld abnimmt. Umgekehrt steigt bei einer Deflation die Nachfrage nach Geld, weil jeder davon ausgeht, dass die Kaufkraft des Geldes weiter zunimmt. Das bedeutet, dass Angebot und Nachfrage von Geld dem Angebot und der Nachfrage von Produkten entsprechen müssen.

 

Preise können außerdem durch Faktoren, die nicht-wirtschaftlicher Natur sind, krass unterschiedlich zustande kommen. Wenn sich zum Beispiel ein Schreiner ein Kreissäge auf Kredit kaufen muss, während ein anderer eine von seinem Vater erbt, muss dieser den Kaufpreis der Kreissäge (plus Zinsen) wieder erwirtschaften, der andere aber nicht. Es kann also sehr gut sein, dass der eine Schreiner für einen Sägeschnitt mehr verlangt, als der andere. So wirken nicht-wirtschaftliche Faktoren in die Wirtschaft und umgekehrt wirken wirtschaftliche Faktoren ins Private. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Schreiner, der die Kreissäge geerbt hat, trotzdem den gleichen Preis für einen Sägeschnitt verlangt, wie der, der sie auf Kredit kaufen musste. Für dieses Geld kann er dann zum Beispiel teurere Lebensmittel kaufen, seiner Frau einen Wochenendurlaub schenken, oder seine Kinder auf die Waldorfschule schicken.

Der Preis kommt also, neben nicht-wirtschaftlichen Faktoren, vor allem durch die Kreuzrelation von Angebot und Nachfrage, sowohl von Produkten als auch von Geld, zustande.

 

Was beinhaltet der Preis?

Was muss zum Beispiel ein Schuhmacher für die Schuhe, die er verkauft, mindestens bekommen? Zunächst einmal muss er in der Lage sein, vom Erwirtschafteten sein Leben (und möglicherweise das seiner Familie) erhalten zu können. Er muss also in der Lage sein, für Wohnen, Essen, Kleidung etc. aufzukommen. Dazu muss er neues Leder, Werkzeug, Rechnungszettel und sonstiges Material beschaffen können, um weiterhin in der Lage zu sein, Schuhe herzustellen. Und als drittes braucht er einen Gewinn. Wenn er diesen nicht bekäme, würde er bankrott gehen, sobald er mal die Treppe herunterfiele und ein paar Tage lang keine Schuhe herstellen könnte. Er könnte auch keine neuen Schuhmacher ausbilden, Fortbildungen besuchen, oder sich Gedanken zur Qualitätsentwicklung seiner Schuhe machen, weil er ja die ganze Zeit Schuhe machen müsste, um nicht bankrott zu gehen. Der Gewinn ist sein Kapital, das heißt er kann frei (geistig!) entscheiden, ob er damit einen Lehrling ausbildet, einen Kurs zur Herstellung von Hausschuhen besucht, oder etwas anderes für Entwicklung seines Geschäftes tut. Der Preis muss also mindestens die Lebenserhaltungskosten, die Beschaffungskosten und einen Gewinn beinhalten.

 

Man kann beobachten, dass der, der am besten die konkreten Wünsche seiner Kunden erfüllt, meistens den größten Gewinn machen kann.

 

Drei verschiedene Einkommensarten

 

Gewinn (kommt durch Gewerbe und Handel zustande)

Der Gewinn ist das, was bei einem Handel – wenn also fertige Waren gehandelt werden – nach Abzug der Kosten von den Einnahmen, übrig bleibt. Wenn beispielsweise der Gärtner den Betrag A für die Züchtung und den Verkauf seiner Pflanzen, sowie für seine Lebenserhaltungskostenausgegeben hat und beim Verkauf den Betrag ABC einnimmt, beträgt sein Gewinn BC.

 

Lohn (kommt bei arbeitsteiliger Arbeit zustande)

Wenn durch Arbeitsteilung mehrere Menschen an einem Produkt arbeiten und dadurch Menschen in einem Anstellungsverhältnis stehen, kommt es dazu, dass Lohn bezahlt wird. Wenn z.B. in einer Schuhfabrik Einer Sohlen macht, ein Zweiter Leder zurecht schneidet und ein Dritter den Schuh zusammensetzt, ist das Arbeitsteilung.

Jeder der Arbeiter kauft dem Chef im Prinzip das Material ab, wendet Arbeit darauf an und verkauft es dem Chef dann wieder. Nur wird es kein sichtbarer Handel, weil die Materialien keine fertigen Waren sind und „Handel“ sich über fertige Waren definiert.

 

Rente (kommt durch Rechtsverhältnisse zustande)

Alle Einnahmen aus Vertragsverhältnissen, welche keinem direkten Arbeitsaufwand mehr haben, sind Rente. Der Aktionär, der am Jahresende eine Dividende („Anteil“) bekommt, erhält Rente, ebenso der Musiker, der die Rechte an seinem Top-Hit hält und bei jedem Verkauf prozentual mitverdient, oder auch der geniale Physiker, der sich sein Perpetuum Mobile patentieren lässt.

 

 

 

Geld

Geld hat keinen eigenen Wert. Eine Münze oder ein Geldschein an sich, haben zwar schon einen Wert und zwar einen der der Mühe entspricht, die ihre Herstellung gekostet hat. Die Herstellung eines 100 Euro-Scheins hat aber z.B. nicht hundertmal mehr Mühe gekostet, als die eines 10 Euro-Scheins. Was beim Geld eine Rolle spielt, ist nicht ein eigener Wert, sondern der Wert, den das Geld repräsentiert. Dafür, dass das Geld einen Wert repräsentiert, sorgt die Politik (in Deutschland die Bundesbank und die Europäische Zentralbank), die Macht über das Geld hat und so auch für die Neuschöpfung verantwortlich ist. Das Geld hat damit also einzig und allein die Funktion der Buchhaltung, das heißt der Verrechnung von Wirtschaftswerten. Ein Mangel des Geldes ist, dass der Wert, den es repräsentiert, nicht natürlich abnimmt. Waren verlieren aber natürlich an Wert (Verfall, Verbrauch, Verschleiß etc.) und diesen Wert repräsentiert das Geld ja. Um trotzdem das Verhältnis von Wirtschaftsgütern zu Geld auszugleichen, wollen Ökonomen, dass nur soviel Geld neu geschöpft wird, wie Wirtschaftsgüter entstanden sind, was heute aber nicht geschieht.

 

 

 

Drei verschiedene Geldarten

 

Kaufgeld

Man gibt Geld gegen Ware bzw. handelt es sich um einen Wechsel von Ware, Gütern, Leistungen, etc. Dabei geht es vor allem um den Konsum, also den Verbrauch der Waren. Wenn ich vom Friseur die Haare geschnitten bekomme und ihm seine Leistung bezahle (mit Geld oder Kartoffeln), ist das Kaufgeld.

 

Leihgeld

Leihgeld tritt überwiegend bei Investitionen auf. Man gibt Leihgeld in der Erwartung, dass man es zurückbekommt. Beispielsweise leihe ich meinem Nachbarn einen Stier und eine Kuh, in der Erwartung sie nach einem Jahr wieder zurück zu kriegen. Umgekehrt bekommt mein Nachbar die Tiere in der Erwartung, nach dem Jahr ein Kälbchen als Gewinn behalten zu können. Die beiden Tiere sind in diesem Beispiel Leihgeld. Wenn mein Nachbar sie aber schlachtet und isst, also konsumiert, und nicht zurückgeben kann, waren sie doch Schenkgeld.

 

Schenkgeld

Man gibt Schenkgeld, wenn man keinen wirtschaftlichen Zweck im Auge hat, sondern einen ideellen, geistigen. Schenkgeld ist nicht wie das Kaufgeld an eine bestimmte Gegenleistung geknüpft. Wenn ich Kap Anamur 1000 Euro spende, einfach weil ich toll finde, was sie machen, ist das Schenkgeld. Wenn ich diese Spende aber mache, weil ich hoffe, dass Kap Anamur meinen Bruder, der in Afghanistan festsitzt, bei ihrem Afghanistan-Einsatz so besser retten kann, dann ist das schon fast Kaufgeld, weil ich eine bestimmte Gegenleistung erwarte bzw. erhoffe und ihren potenziellen Einsatz für meinen Bruder „bezahle“.

 

 

Zinsen (englisch: „interest rate“)

Zinsen sind eine Entschädigung dafür, dass man in der Zeit, in der man das Geld verliehen hat, nichts damit machen kann. Wenn ich meinem Nachbarn also für ein Jahr die Kuh und den Stier leihe, kann ich z.B. keine anderen Kühe von dem Stier begatten lassen, kann, falls das Essen knapp wird, nicht die Kuh schlachten und ich kann den Kindern, die zu Besuch kommen, die beiden nicht zeigen.

Die Zinsen sind außerdem eine Risikoprämie. Für den Gläubiger besteht das Risiko, dass der Schuldner seine Schuld, hier den Stier und die Kuh, eventuell nicht begleichen kann. Je höher dieses Risiko ist, desto mehr Zinsen hat der Schuldner in der Regel zu bezahlen. Griechenland zahlt beispielsweise deutlich mehr Zinsen auf seine Staatsanleihen als Deutschland, weil das Ausfallrisiko bei Griechenland höher geschätzt wird.

Traditionellerweise wurden Kredite aufgenommen, um eine Produktionssteigerung zu erreichen. Deshalb wuchs durch die Kreditvergabe im Idealfall die Wertemenge. Beispielsweise kaufte sich der Schuhmacher auf Kredit eine Maschine, mit der er doppelt so viele Schuhe herstellen konnte wie vorher. So erhöhte er die Wertemenge. Damit die Geldmenge in einem Verhältnis zur Wertemenge bleibt, müsste im Idealfall dann die Geldmenge vergrößert werden.

Heute hat der Staat die Macht über die Geldschöpfung, beispielsweise ist in Europa ist die EZB und in Deutschland die Bundesbank für die Geldmengenpolitik verantwortlich. Private Banken schaffen aber ebenfalls Geld, indem sie Kredite vergeben.

 

Heute werden im Gegensatz zu früher viele Kredite für den Konsum verwendet. Diese tragen aber nicht unbedingt (wenn doch, dann indirekt und schwer bestimmbar) zu einer Produktionssteigerung bei. Wenn ein Fernseher auf Kredit angeschafft wird, der dann “konsumiert”, sprich Wert wird verbraucht, anstatt das neuer Wert geschaffen wird.

 

Steuern

Die Bürger zahlen dem Staat Steuern, womit dieser dann damit für alle wirtschaftet (Straßen bauen, Gesundheitsversorgung etc.). Allerdings war das nicht immer so, zur Zeit des Ursprungs der Steuern, im Feudalismus, verwendete der Herrscher die Steuern für sich und nicht für alle. Im Gegensatz zu Abgaben oder Gebühren, die an einen bestimmten Zweck gebunden sind, kann der Staat bei den Steuern frei entscheiden, was er mit ihnen anfängt. Somit sind Steuern Zwangsschenkungen.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Steuern, die der Staat erhebt. Beispielsweise die Einkommenssteuer, die Erbschaftssteuer, die Mehrwertsteuer, Steuern auf spezielle Waren wie die Tabaksteuer etc. Wenn der Staat beispielsweise will, dass weniger Auto gefahren wird und deshalb die Mineralölsteuer erhöht, greift er ordnungspolitisch in die Wirtschaft ein. In diesem Fall wird der Wert des Benzins im Benzinpreis kleiner, da der Anteil der Steuer größer wird. So kann es sein, dass es auf einmal günstiger ist, ein Elektroauto zu fahren. Ohne die Steuer wäre es das aber vielleicht gar nicht so und so schafft sie einen künstlichen Wertunterschied. Durch dieses Eingreifen des Staats in die Wirtschaft werden sämtliche Wirtschaftswerte nicht mehr beurteilbar. Die einzige Art von Steuer, die nicht innerhalb der Wertschöpfungskette die Wirtschaftswerte beeinflusst, ist die Mehrwertsteuer. Sie ist die einzige Steuer, die klar einsehbar am Ende jeder Wertschöpfungskette liegt, und doch jeden Handel erreicht. Sei es die Milch aus dem Supermarkt, die gekauft wird, oder die Villa von Bill Gates.

 

Arbeitsteilung (die Spezialisierung und Aufteilung von Arbeit)

Früher, in der sogenannten Stammeswirtschaft, hat jeder seinen eigenen Bogen gebaut und es sind auch alle zum Jagen gegangen. So hat jeder eine Vielzahl an verschiedenen Tätigkeiten ausgeübt, aber kaum die Möglichkeit gehabt, ein bestimmtes Talent auszubilden. Wenn einer sich aufs Bögen-Herstellen spezialisiert hätte, hätte er sehr viel Zeit in diese Tätigkeit gesteckt, viel Übung bekommen und Erfahrung gesammelt. Er wäre dadurch abhängig von den Jägern, die ihn ja mitversorgen und umgekehrt wären sie auch abhängig von ihm, da sie ja seine Bögen für die Jagd brauchen.

Heute haben wir eine stark von Arbeitsteilung bestimmte Wirtschaft. Einer ist Schuster, einer Bäcker, einer Arzt etc. So kann sich jeder auf sein Gebiet spezialisieren, seine Tätigkeiten üben und viel Erfahrung sammeln (das ist die klassische Form von Arbeitsteilung, es gibt aber noch andere Formen, z.B. die zeitliche: Erst schält man alle Karotten, dann schneidet man alle, anstatt jede einzeln zu schälen und zu schneiden).

Anstatt dass drei ein bisschen Schuhe machen können, ein bisschen backen und ein bisschen Arzt sind, kann jeder eines richtig gut. So erhöht das Prinzip der Arbeitsteilung die Produktivität, indem durch Spezialisierung stärker Talente ausgebildet werden können. Das heißt allerdings nicht, dass Arbeitsteilung immer die Produktivität steigern muss. Wenn ich beispielsweise erst alle Bücherkartons die Treppe hoch trage und dann alle einräume, kann es durchaus sein, dass das, aufgrund der Monotonie der Arbeitsschritte, weniger produktiv ist, wie wenn ich je eine Kiste hoch trage und die Bücher einräume.

Ein weiterer positiver Effekt der Arbeitsteilung ist, dass die „Totzeiten“, also die Zeiten der Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsschritten, wegfallen. Zum Beispiel kann der Bäcker den ganzen Tag backen und muss nicht am Nachmittag noch Schuhe machen. Dafür müsste er den Arbeitsplatz wechseln, sich umziehen, Hände waschen etc.

Ein gutes Beispiel für die Effektivität von Arbeitsteilung ist der kranke Schuhmacher, der vom Arzt wieder gesund gemacht wird und so anstatt vier Wochen nur eine Woche nicht arbeiten kann. Im Prinzip hat der Arzt so, mit einem Zeitaufwand von ca. einer Stunde, drei Wochen lang Schuhe produziert.

Es gibt allerdings auch unteilbare Arbeit, beispielsweise in der Landwirtschaft, wo es keinen Sinn macht, die Haltung der Kühe und den Ackerbau zu trennen. Die Kühe brauchen das Heu vom Feld und das Feld braucht den Mist von den Kühen. Man kann nicht erst schlachten und dann melken, wie in einer Schuhfabrik verschiedene Teile gleichzeitig oder in beliebiger Reihenfolge produziert werden können. Die Kuh muss erst Futter bekommen und gemolken werden und ist erst nach einer gewissen Zeit geeignet zum Schlachten.

Ein anderes Beispiel ist geistige Arbeit: Um den Dachstuhl eines Hauses zu planen, muss man

den Grundriss kennen, und auf diesem aufbauen. Wie man in diesem Bereich doch Arbeitsteilung vornimmt, kann man gerade wunderbar am Bau des Berliner Flughafen beobachten.

 

Ein weiterer Effekt der Arbeitsteilung wurde von Goethe so beschrieben: „Um ein Haus zu bauen, braucht man nur einen Kopf und 1000 Hände!“

Will heißen: In einer arbeitsteiligen Wirtschaft gibt es auch Posten, für die man nicht viel Können und Wissen muss. Es kann schon ein Beruf sein, den ganzen Tag Kaffee auszuschenken. Das kann man in einer Woche fast bis zur Perfektion beherrschen und es dann Jahre lang machen. Einerseits ist das gut, weil so jeder irgendwo einen Platz finden kann. Auf der anderen Seite fördert es aber nicht gerade die Bildungsbemühungen, da Bildung für die Arbeitswelt keine große Voraussetzung ist, es reicht, wenn viele dazu in der Lage sind Kaffee auszuschenken, Türen aufzuhalten oder ein paar Knöpfe zu drücken.