Gefühle im Studium – eine Eintrittskarte: Wohin? (Teil3) (23.4.2014)

Studium,

„Trauer“,
„Angst“,
„Scham“,
„Wut“

und Beobachtung

Warum ist es für mich sinnvoll, „Trauer“, „Angst“, „Scham“, „Wut“, in mein Studium mit einzubeziehen ?

Ich beziehe in mein Studium nur das ein, von dem ich glaube, dass es nicht nur für mich , sondern auch für die Gesellschaft (ich sage lieber: Gemeinschaft) wichtig ist.

Denn sonst bliebe mein Studium allein eine Selbsterfahrungsreise: wertvoll sicherlich, aber eben kein Studium !‘
Denn „Studium“ beinhaltet für mich immer Gemeinschaftsbezug: Halte ich das, was ich studiere auch für andere für wichtig ?

Wenn ich im UniExperiment etwas anders machen möchte, als im konventionellen Studium, dann sicher auch, dass ich meine Gefühle in des bweusst mit einbeziehe.
Denn ich möchte als ganzer Mensch studieren, nicht bloß  als Leistungsmaschine.

Das wirft sofort Fragen auf:
Was haben Gefühle in einem Studium zu suchen ?
Sind die bei der Erkenntnisfindung nicht eher hinderlich ?
Trüben sie nicht eher den ´klaren Blick´ ?

Heißt „studium“ denn eigentlich: Wissenschaft betreiben ?
„studere“ heißt, wörtlich übersetzt: sich um etwas bemühen, nach etwas streben.
Nun gut, ja: ein Ziel des Studiums gibt es wohl, oder wenigstens eine Richtung.
Und – für mich gibt es noch mehr darin:

„Studium“ heißt für mich nicht nur  „streben“ – wonach und wohin auch immer.
Es heißt für mich auch: beobachten !

Warum ?
Nun, wenn ich einen vorgezeichneten Weg zu gehen habe, einen Weg, der durch Studienordnungen und Prüfungswegweiser markiert wird, auch dann beobachte ich:  meinen Lernfortschritt.
Die Wegrichtung, die Position des Weges im Gelände muss ich dabei nicht unbedingt beobachten, wenn ich in Prüfungen erfolgreich sein will.

Ganz anders im selbstbestimmten Studium, z. B. im Freien UniExperiment:

Hier muss ich den Weg durchs unbekannte Gelände selber wählen.
Hier muss ich permanent kontrollieren, ob ich noch auf dem Weg bin: Wo befinde ich mich ?
Wo will ich hin ?
Dient der eingeschlagene Weg noch der gewünschten Richtung ?

Und:  Siehe, da kommen auch Gefühle in´s Spiel.
Plötzlich wird für mich zunehmend wichtig, wie ich mich denn fühle, auf meinem Wege.
Warum ? Weil Orientierungshilfen von außen fehlen, sehe ich mich mehr auf die inneren angewiesen.
Und Innen, da sind auch: Gefühle !

Doch wie kann ich meine Gefühle zur Orientierung nutzen, wenn sie sich doch auch immer wieder verändern und vor allem: wenn sie sich immer wieder auch so beschissen anfühlen ?

Wie kann ich negative Gefühle zur Orientierung nutzen, die plötzlich zu bedrohen scheinen, was mich ursprünglich in´s selbstbetimmte Studium geführt hat:
Gemeinschaft,
Eigenverantwortung,
Authentizität,
Selbständigkeit,
Dialog,
Energie,
Dynamik,
Forschergeist,
Kreativität,
Neugier,
Lebendigkeit ?
Wie kann ich nutzen lernen, was all das bedroht, was mir im selbstbestimmten Studium wichtig war und ist ?
Wie kann ich für meinen Weg nutzen lernen, was mir auf ihm als schwer oder gar überhaupt nicht überwindbares Hindernis im Weg zu stehen scheint: negative Gefühle ?

Führt Verdrängen weiter, auf Dauer ?
Oder: ignorieren ?
Oder: mich von meinen negativen Gefühlen leiten lassen, in´s Scheitern ?

Gefühle sind natürlich überall wichtig, auch im konventionellen Studium.
.
Im komplett selbstbestimmten Studium, wie im UniExperiment, spielen sie für mich jedoch eine größere Rolle, denn sie erhalten mehr Raum.
Im konventionellen Studium kann ich mich eines Gefühlsansturmes auch durch die von außen von mir geforderte Routine und Etappenbewältigung erwehren.
Ja, das Vorgezeichnete des Weges gibt mir geradezu die Sicherheit, den eigenen Gefühlen etwas von außen und durch andere Bestimmtes entgegensetzen zu können.
Im selbstbestimmen Studium gibt es diese Sicherheit nicht.
Hier kann ich keine Studienordnung, da kann ich keinen Prüfungstermin setzen gegen die Angst, gegen die Traueer, gegen die Wut. Ich sehe mich meinen Gefühlen und Wahrnehmungen unmittelbarer ausgesetzt, als im Hafen eines konventionellen akademischen Betriebes.
Denn ich befinde mich auf der hohen See der Seslbstbestimmung, ungeschützt ausgesetzt auch den Unwägbarkeiten meiner emotionalen Gezeiten. Da mag es eben hilfreich sein, wenn genau der Umgang mit diesen Gezeiten zum Studium gehört und nicht als lästiger Ballast verstanden wird.
Orientierung bekomme ich im selbstbestimmten Studium  nicht durch äußere Vorgaben, wie Studien- und Prüfungsordnungen.
Für meine Orientierung muss ich im selbstbestimmten Studium daher stärker innere Quellen nutzen.
Selbstbestimmt zu studieren, heißt ja:
ich entscheide selbst, was und wie ich studiere, und wo, bei und mit wem.
Wenn im Außen keine Orientierung existiert, muss ich  alles Innere zur Orientierung nutzen.

Ohne  Orientierung im Außen, wie sie im konventionellen Studium durch Studienvorschriften geboten wird, gewinnt für mich nicht nur der Kontakt zu meinem Inneren, samt seinen Gefühlen, sondern auch der Kontakt zu meinen Mitstudenten eine größere Bedeutung. Denn zu meinem Innenleben gehören für mich nicht nur meine Gefühle im Bezug auf mich und im Umgang mit mir selbst, sondern auch meine innere, meine von innen gefühlte Beziehung zu meinen Mitstudenten, und meine Gefühle für, oder gegen (!) sie. Dieser innere Kontakt zu mir selbst und meinen Gefühlen kann mir als Stütze dienen, wo der Kontakt zu äußeren, fremdbestimmten Vorgaben als Unterstützung nicht existiert. Doch um als Unterstützung und Inspiration dienen zu können, „muss“ auch der Kontakt zu meinen Mitstudenten konstruktiv bleiben, genau wie der Kontakt zu meinem eigenen Inneren.

Doch wie halte ich diesen inneren Kontakt zu meinen Gefühlen und die Kontakte zu meinen Mitstudenten konstruktiv, wenn ich in Regionen negativer Gefühlsgewitter gerate, mal ganz abgesehen von der Qualität des zwischenmenschlichen Miteinanders, die durch sog. „negative“ Gefühle bedroht sein kann ?

Warte ich, bis die Destruktivität wieder vorüber ist ?
Habe ich diese Zeit im Studium überhaupt ?
Und selbst wenn ja: verschwindet Destruktivität „von alleine“ wieder, dauerhaft ?

Es gibt hier Orientierung, genau wie im konventionellen Studium Prüfungs- und Studiumsordnungen Orientierung versprechen.
Es gibt Erfahrungen im Umgang mit destruktiven Gefühlen, Erfahrungen jenseits vom Ignorieren oder bloßen Ausagieren solcher Gefühle.
Es gibt Erfahrungen damit, wie Situationen zu meistern sind in denen Destruktivität z. B. eine ursprünglich enthusiastisch kreative Lern- oder Studiengruppe selbstbestimmt Studierender lähmt, oder zu lähmen scheint.

 

Text: Tomas Langhorst, Freies UniExperiment

links zu: Teil5, Teil4, Teil 2, Teil1

 

4 Kommentare zu “Gefühle im Studium – eine Eintrittskarte: Wohin? (Teil3) (23.4.2014)

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