Diemut in der „normalen Welt “ (: – Bericht aus der Uni Freiburg

Ich machte im Februar einen zweiwöchigen Ausflug in die Universität Freiburg und nahm dort an Soziologie- und Ethnologie- Veranstaltungen teil. Hier ein kleiner Erlebnisbericht:

Zuerst ein paar Begriffsklärungen, wie sie mir in der Uni begegnet sind:

  1. Feldforschung Definition:

systematisches, an Ort und Stelle vorgenommenes Sammeln von wissenschaftlich auswertbaren Daten über Verhältnisse in der Wirklichkeit„ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Feldforschung)

empirische Forschungsmethode zur Erhebung empirischer Daten mittels Beobachtung und Befragung im „natürlichen“ Kontext.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Feldforschung)

2. Moderner Begriff eines Wissenschaftlers bei seinen Feldforschungen:

teilhabender Beobachter“. „Teilhabend“ wurde spätestens nach der reflexiven Wende akzeptiert, und so auch, dass es keine „ rein objektive“ Forschung gibt. Aber es ist immer noch höchstes Ziel, so wenig wie möglich in die jeweilige Forschung als Subjekt mit einzuwirken.

Nun zur Ethnologie:

Ethnologie-Seminare besuchte ich weniger als Soziologie-Seminare. Veranstaltungen waren:

Angewandte Ethnologie

Grundlagen der Politik-Ethnologie

Indonesien und seine Kultur

Regionen im Vergleich- Der Süden der USA und der Norden Mexikos

Dekolonialisierung

In dem Seminar „Religionskonflikte südliches Afrika“ hatten die Studenten Themen ausgearbeitet, die sich als mögliche Forschungsprojekte vorschlugen. Z. B.:

Die Stadt-Land Beziehungen vieler Familien- was für eine Veränderung im Sozialen bringen sie mit sich?

Kapstadt- eine orientierungslose Stadt nach der Arpeitheit oder ganz neues Kulturzentrum?

An diesem Seminar wurde mir ein Unterschied zur Soziologie bewusst: In der Ethnologie fragt man viel konkreter nach den Verhältnissen. So fragt man in der Soziologie Was ist Globalisierung“, in der Ethnologie jedoch fragt man, Wie wirkt sich eine Fernbeziehung auf das Familienleben in Südafrika aus?

Die Ethnologie geht also viel exemplarischer vor. Das bringt ihr einerseits stichfeste, klare Ergebnisse, kann aber nur selten allgemeine Prinzipien für andere Menschen oder Erdteile aufstellen, was wiederum die Soziologie als Hauptanliegen hat, die Gesellschaft als Ganzes, nicht ihre einzelnen Erscheinungen zu betrachten.

In „angewandte Ethnologie“ wurde versucht, die „Aufgabe der angewandten Ethnologie“ zu definieren:

Ethnologen sind Mittelsmänner, die die Grundlagen der ethnischen Begebenheiten und das Machtgefüge am jeweiligen Ort und verschiedener zerstrittener Parteien kennen und versuchen, durch gegenseitiges Verständnis eine Schlichtung zu erreichen.

Parallel besuchte ich Seminare und Vorlesungen der Soziologie:

Zuerst bekam ich einen Eindruck von Foucaults Werken und Ansichten :

Foucaults Buch „Maschen der Macht wurde ausschnittsweise durchgenommen. Hier wurde vor allem der Begriff Bio-Macht angeschaut ,welcher in etwa so definiert wurde:

Bio-Politik/Bio-Macht: Der Begriff Bio-Macht (französisch: le biopouvoir), bezeichnet Machttechniken (zunehmend auch Biopolitik genannt), die „nicht auf den Einzelnen, sondern auf die gesamte Bevölkerung zielen“, insbesondere auf die Regulierung ihrer Fortpflanzung, die Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Wohnverhältnisse, u.a.. Das Ziel der Bio-Macht bei Foucault ist die Regulierung der Bevölkerung.

Im Anschluss sollten die Studenten ein Buchkommentar zu einem von ihnen gewählten Thema schreiben. Im Tutorat wurden die förmlichen Regeln, wie man einen Buchkommentar schreibt, wie, Einleitung, Durchnummerierung, Zitate setzen, Quellen -verzeichnis und dergleichen anzulegen sind.

Des weiteren kam in Soziologie immer wieder die Diskussion auf, wie zeitgemäß diese überhaupt noch in einem „globalen“ Zeitalter sei, in dem doch viel globaler ausgerichtet, analysiert werden müsste, nicht so eurozentristisch, oder zumindest westlichen Gesellschaftsformen zugewandt, wie die ganze Soziologie bis jetzt ausgerichtet sei.

Interessanter für mich wurde es dann, als folgende Hausarbeits-Themen in anderen Soziologie-Seminaren wie zum Beispiel „Globalisierung“ angeführt wurden: Dieses Seminar besuchte ich am häufigsten und behandle es hier auch am ausführlichsten

Vorschläge für Hausarbeiten waren unter anderem:

Wie bewirkt die Medienwelt Skandale?

Singapur – Wie wird mit der Angst um Arbeitsplätze der lokalen Einwohner umgegangen bei den immer steigenden ausländischen, dort ansässigen Unternehmen?

Entwicklungshilfe- Ein kritischer Blick auf Patenschaften – ein neo-kolonialistsiches Phänomen?

Eine neue, ernstzunehmende Familienform: Die Internetbeziehung – Was für eine Rolle spielt sie, und wird sie spielen?

Securitization“: immer häufiger gerechtfertigt, vorgenommenes Phänomen- Was macht es mit der Gesellschaft und ihrem Bewusstsein bezogen auf mündige Bürger und Demokratiebewusstsein?.

Globale Ungerechtigkeit: Bedeutung der Frauen, die im Ausland in reichen Familien arbeiten

Thema meiner letzten Seminare in der Soziologie war dann die Globalisierung als solche:

Es wurden 3 Definitionen von Globalisierung dargestellt ,die von unterschiedlichen Soziologen entwickelt worden sind:

Globalisierung als:

  • Continuation of modernity

  • Extention of modernity

  • rupture of modernity

Zur ersten Definition, Continuation of modernity:

Dazu haben sich vor allem Wallenstein und Giddens bekannt. Hier wird der Fortschritt des Westens beschrieben, der Schritt für Schritt in alle Lebensbereiche und Erdteile vordringt und so erst die Moderne und als Konsequenz die Globalisierung hervorbringt.

Zur zweiten Ausführung, die Globalisierung als Extention of modernity:

Dieser Theorie hat sich überwiegend Eisenstadt gewidmet: Es verliert sich hier schon der Euro-Zentrismus, da der Fortschritt überall auftaucht ,aber er ist doch noch ausgehend vom Westen und wenn nicht kopiert, dann doch orientiert am Weg des westlichen Fortschritt.

Und zuletzt zur dritten Form, dem Rupture of modernity:

Hierzu hat sich u.a. Pieterse geäußert: Er ist gegen den Euro-Zentrismus, von dem die Moderne ausgeht, da ihm zufolge Moderne immer schon existiert habe, in Form von Mobilität und Interdependenz. Er kritisiert den Mangel an einer umfangreichen Sichtweite der Soziologie, die nicht interdisziplinär forsche und der so Phänomene außerhalb europäisch-nordamerikanischer Sicht fehlten. Da Pieterse diesen Schritt geht, weist er auf die Globaliserung hin, die überall zu sehen sei und eben nicht mehr den Fußabdruck Europas trage, sondern an jedem Ort in einer völlig anderen Form erscheine.

Geht man hier noch einen Schritt weiter, trifft man auf das „concept of hybridity“ (Vermischung von zwei Dingen, es kommt ursprünglich aus der Biologie und wird nun in der Soziologie bei Vermischung der Kulturen verwendet). Vermehrt verwendet wird dieses bei der Kritik der Konzepte von Nationen, oder traditionellen, eigenen Kulturen, da zu beachten sei, dass es in den meisten Teilen der Welt unvermischte Kulturen und Ethnien gar nicht mehr gebe. So in Europa, ganz Amerika, Australien sowie Teilen Afrikas und auch Asiens.

Und nun noch Eindrücke über die Wissenschaft oder das wissenschaftliche Arbeiten der von mir besuchten Lehrveranstaltungen:

Die Studenten (nicht nur Erst-Semester) schienen mir sehr unselbstständig und ich erkannte wenig Forschergeist bei ihnen, der selbst etwas entdecken möchte. Eher erkannte ich das Wollen, nur die Hausarbeit richtig abzugeben.

Der Tutor musste ein Dreiviertel der Zeit füllen, die Texte zur Vorbereitung waren im Durchschnitt von zwei Studenten gelesen und da wo Zeit für Fragen gewesen wäre, im Tutorat, wussten die Studenten kaum welche zu stellen.

Von Seiten der „Institution“ der Dozenten usw. ist allerdings schönes zu berichten: Sie hielten nichts von Anwesenheitspflicht und wollten die Studenten gleich als mündig behandeln. Sie ließen die Verantwortung für das Studium bei den Studenten und an Diskussionen habe ich in der zwölften Klasse schon Aufregenderes erlebt.

Andererseits: Wenn es darum geht, den Studenten das Ideal aufzuzeigen, aus Interesse und Forschergeist heraus zu arbeiten, und nicht der Erfüllung von Vorgaben nachzueifern, sondern der Wissenschaft und ihrem Inhalt selbst, habe ich davon auch wenig erlebt. So scheint mir, bekommen die Schüler weder in der Schule (dort schon gar nicht), noch an der Uni eine Idee von dem wissenschaftlichen Ideal. Dieses aber ist meines Wissens nach von Goethe über Humboldt bis zu Steiner als notwendiger und zu erstrebender Kern und Sinn der Wissenschaft aufgefasst worden.

Ein Tutor berichtete mir von der Methode an der Uni Maastricht, wie man sich dort auf Seminare vorbereite. Ich bemerkte begeistert, dass sich diese fast mit der Vorbereitungsmethode von meiner Abiplus-Zeit (selbstständige Vorbereitung auf das Abitur) deckte: Um nicht unvorbereitete Studenten in Seminaren zu haben, werde nach dieser „problem-based-learning“-methode (unschöner Name meines Erachtens) im Seminar eine Vordiskussion über das zu erarbeitende Thema gehalten, sodass die Studenten schon einen ersten Input und Geschmack des Themas bekämen. Dann solle der Text zuhause erarbeitet werden und in der nächsten Seminar Stunde sei dann Zeit, das Thema auf einem höheren Niveau nach zu besprechen und zu vertiefen. Doch ich habe das in keinem der von mir besuchten Seminare erleben können.

Natürlich besuchte ich auch ein Seminar zur empirischen Sozialforschung:

Am Beispiel einer internetbasierten Datenerhebung wurden die quantitativen Forschungsmethoden erarbeitet, in denen die Probanden durch ihre Browser-history oder den Chatverläufen beobachtet werden. Hier kann nur eine quantitative Methode angewandt werden, da nur die anonymen Verhaltensmuster nach der Häufigkeit bemessen werden können.

Dagegen erhebt die qualitative Forschungsmethode Daten, die sich auf das Individuum ausrichten z.B. Durch Interviews, da mehr die Akteuroperspektive beachtet werden soll, einen offeneren Charakter hat und, für manche kritisch, aus der interpretativen Soziologie kommt.

Zwischen ihnen wird sich bis hinunter zum Student gestritten. Etwas lächerlich für mich war der Punkt, dass beide Methoden zugeben, nicht objektiven Anspruch haben zu können, doch dann behauptet jede für sich, die bessere zu sein und das aus allen Gesichtspunkten heraus. – Ein Widerspruch in sich. –

Diskussionsgrund gab es auch schon bei der quantitativen Forschungsmethode, da hierzu immer mehr das Netz und seine Nutzer Forschungsfeld sind, doch meistens ohne dass die Nutzer von ihrer Beobachtung wissen. Das mag für die authentische Aussage wichtig sein, gab aber doch moralisch zu denken und führte zu gegenteiligen Meinungen unter den Studenten.

Zuletzt bekam ich noch eine Lehrveranstaltung der Grundlagen der Soziologie mit, in der Foucaults Werk „Maschen der Macht“ Thema war. In der Vorlesung, die ich besuchte, wurden seine verschiedenen Machtformen behandelt. Der Professor erweiterte die Beschreibungen Foucaults noch um seine eigene Arbeit, die er dem Machtbegriff gewidmet hatte.

Zu guter Letzt mein Schluss-Eindruck der 2 Wochen:

Zu den Veranstaltungen, die ich besuchte, ist zu sagen, dass ich wirklich sehr sehr unterschiedliche Qualitäten erlebt habe und aus manchen gar nichts, aus anderen dagegen große fachliche Zusammenhänge mitgenommen habe. Das lag natürlich auch an meinen Vorkenntnissen und nicht nur an den Seminaren.

Bei Methode, Aufbau und Struktur der Lehrveranstaltungen war ich von der Institution überrascht: Es wird den Studenten viel Raum für eigene Ideen und Fragen eingeräumt, Selbstständigkeit und Initiative vorausgesetzt und eine Anwesenheitspflicht von Seiten der Lehrenden abgelehnt. Damit behandeln sie die Studenten erst mal doch ganz ordentlich wie Mündige, wie mir scheint.

Eher kritisch wurde ich bei dem Verhalten der Studenten, das teilweise von Unselbstständigkeit, Interessenmangel und mangelnder Initiative gezeichnet war. Ob das nur die logische und unverschuldete Folge von einem umso strikteren und unselbstständigen Schuldasein ist, wäre höchst spannend anzuschauen, geht hier aber zu weit.

Inhaltlich entwickelte ich selbst gerade in den letzten Tagen eine große Begeisterung für die Ethnologie. Dieses Fach erscheint mir (von einem forschenden Dozent bestätigt) viel forschungsbezogener und exemplarischer, als die Soziologie. Dort ist man mehr gefragt, eigene Forschungen zu entwickeln, an verschiedensten Orten der Welt zu arbeiten und so die „europäische Sicht „weniger auszuprägen und weniger mit und an Theorien als Forschungsobjekt zu arbeiten, was in der Soziologie mehr der Fall ist.

Sinnvoll erscheint mir, nachdem in einem Soziologie-Seminar auch genau das Problem der beschränkten „soziologischen Perspektive“ diskutiert wurde, ein Studium interdisziplinär auszurichten und z. B. Nicht nur Ethnologie, sondern sowohl das, als auch Kurse in Soziologie ,Politik ,Geschichte und Ökonomie zu belegen. Dies mit dem Ziel und im Rahmen eines Studiums, was mich eher die Zugsamenhänge begreifen lässt und so nach Humboldt „mehr Mensch werden lässt“. Doch damit möchte ich nicht sagen, dass ich sozusagen 5 Studiengänge gleichzeitig studieren möchte, denn ich glaube, da würde ich nie in die erforderliche Tiefe eines Sachgebietes kommen. Ich würde einen Themenbereich, jeweils unter den verschieden Fach-Perspektiven erarbeiten.

 

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