1a) Was ist Bildung ?

(Text v. T. Langhorst)

I. In „Räumen für freies, selbstbestimmtes Lernen“ stellt sich mir die Frage:

Was ist Bildung ?“

Mit meiner Studienfrage 1

„Wie erschaffe und gestalte ich Räume für freies, selbstbestimmtes Lernen ?“

sehe ich weitere Fragen verbunden.

Meine Studienfrage 1 nach den Räumen für freies, selbstbestimmtes Lernen wirft für mich zunächst die Frage nach dem Bildungsbegriff auf:
Einmal vorausgesetzt und hier weder weiter beschrieben noch begründet, „freies, selbstbestimmtes“ Lernen sei sinnvoll, stellt sich mir die Frage, was denn wohl „frei und selbstbestimmt“ gelernt werden soll ?
Die logische Antwort: NICHTS !

Denn wer frei und selbstbestimmt lernt, der „soll“ ja nunmal nichts lernen, sondern eben selbst bestimmen, was er lernen WILL.

Soll/kann sich dann im selbstbestimmt Lernenden etwas „bilden“, (auch) durch sein selbstbestimmtes Lernen und wenn ja: was ?

Welche Inhalte sollen denn nun „frei und selbstbestimmt“ gelernt werden ?
Eben die, die der Lernende sich frei wählt, werden gelernt, ohne ein „Sollen“ von Außen.

Aus einer so verstandenen „Lernfreiheit“ ergibt sich für mich sofort eine weitere Frage:
Kann diese Form der „Lernfreiheit“ total sein ? Kann Lernfreiheit grenzenlos sein ?

Lernfreiheit und Menschenbild

Während der Annäherung an mögliche Antworten auf diese Frage, stellt sich mir schon die nächste:
Welches Menschenbild liegt einer Lernfreiheit zugrunde, deren Optimum als ein Maximum an Freiheit angesehen wird ? Wenn ich also sage: Am besten finde ich es, wenn die Freiheit und Selbstbestimmung im Lernen möglichst groß sind ! Mit welcher Brille schaue ich dann auf den Menschen ?
Wenn ich dem Menschen möglichst viel Freiheit geben möchte, was für ein Bild vom Menschen habe ich dann ?

Zunächsteinmal behaupte ich damit, dass es sinnvoll ist, einem Menschen möglichst viel (Lern-)Freiheit zu geben.
Doch warum behaupte ich das ?
Warum könnte es sinnvoll sein, einem Menschen möglichst viel (Lern-)Freiheit zu geben ?

Einem Menschen möglichst viel Freiheit zu geben, kann ich nur dann als sinnvoll ansehen, wenn ich Freiheit als eine Qualität ansehe. Doch was, bitteschön, soll an Freiheit wertvoll sein ?

Ist der Mensch etwa ein Wesen, das Freiheit braucht, und falls ja: warum eigentlich ?

Weshalb kann Freiheit als eine Qualität angesehen werden, also auch die oben benannte Lernfreiheit ?
Eine Qualität begünstigt ja immer etwas. Eine Qualität macht etwas möglich, was ohne sie schlechter oder seltener möglich wäre. Eine Qualität beschreibt also einen Wert.

Welchen Wert beschreibt die Forderung nach möglichst großer Freiheit ? Welcher Wert wird in möglichst großer Freiheit gesehen, welche Qualität ?

Gibt es da etwas im Menschen:
eine Richtung vielleicht, eine ´Bestimmung´, eine Vorgabe ?

Freiheit kann ja als Freiheit von etwas gesehen werden, und als Freiheit zu etwas.
Lernfreiheit wäre dann die Freiheit von äußeren Vorgaben und die Freiheit zum Entdecken und Befolgen innerer „Vorgaben“. Diese Art der Freiheit von und zu setzt zweierlei voraus: dass es erstens eine Freiheit von äußeren Vorgaben überhaupt geben kann, und dass zweitens so etwas wie „innere Vorgaben“ überhaupt existieren.

Freies Lernen beinhaltet deswegen die Art der Freiheit des von und zu, weil Lernen ja ein Prozess ist, also eine Bewegung, die irgendwo hinführt. Also „muss“ auch die Freiheit, die mit dem Lernen verbunden ist, irgendwo hinführen. Das ist für mich deshalb von Bedeutung, weil es ja auch Arten der Freiheit geben mag, die nicht notwendigerweise zu etwas führen, sondern auch Selbstzweck sein können. Freiheit des Lernens aber führt zu etwas, weil Lernen als Prozess zu etwas führt.

Ob es nun Freiheit von äußeren Vorgaben überhaupt geben kann, will ich später beleuchten.

Mich interessiert jetzt die Frage, ob so etwas wie „innere Vorgaben“ überhaupt existiert. Oder halt: Mich interessiert zunächst nicht eimal, ob so etwas wie „innere Vorgaben“ existiert, sondern davor interessiert mich noch, welches Menschenbild der Vorstellung zugrundeliegt, es könne vielleicht und eventuell überhaupt so etwas wie „innere Vorgaben“ geben.

Ein „Menschenbild“ ist zugleich immer auch ein „Schöpfungsbild“, also ein Bild, eine Vorstellung, die ich mir von der Schöpfung mache und vom Menschen als einem Teil der Schöpfung.

Wenn ich nun also mal annehme, es könne so etwas wie „innere Vorgaben“ geben, und diese seien weiters probehalber mal angenommen vollständig unabhängig von Außen vorhanden: Ja, woher kommen dann diese „inneren Vorgaben“ ? Wie entstehen sie ? Wenn sie nicht ´von Außen´ hergestellt werden, dann ja wohl von ´Innen´. Aber wie ? Wer oder was stellt hier so genannte „innere Vorgaben“ her ?

Das könnte einmal in einem etwas augenzwinkernd genannten ´kryptischen Akt´ der betreffende Mensch selbst sein. Er könnte   ja selbst derjenige sein, der sich seine „inneren Vorgaben“ selbst erschafft, sie selbst ´herstellt´. Das könnte man als die eine Möglichkeit sehen. Als die zweite Möglichkeit könnte man sehen, dass er diese „inneren Vorgaben“ entweder schon zur Geburt mitbringt, oder dass sie eben in ihm wachsen und gedeihen, sich entwickeln allerdings ohne sein Zutun.

Sowohl die erste als auch die zweite Möglichkeit gehen aber davon aus, dass der Mensch eine ´Bestimmung´ hat, die in ihm selbst liegt. Das ist beiden Möglichkeiten gemein. Denn ob ich selbst meine inneren Vorgaben entwickle oder ob die sich in mir von selbst entwickeln: immer bin allein ich es, der entwickelt, oder in dem sich entwickelt.

Dabei setze ich ´Vorgaben´ mit ´Bestimmung´ gleich, denn immer dient eine `Vorgabe´ einer ´Bestimmung´, sonst ist sie keine oder sie ist sinn-, gehalt-, und kraftlos. Einer ´Vorgabe´ liegt eine ´Bestimmung´ zugrunde, also mindestens eine Richtung und manchmal ein Ziel. Eine Vorgabe behinhaltet also eine bestimmte Gerichtetheit, sonst ist sie keine. Da eine Gerichtetheit aber eine Richtung beinhaltet, beinhaltet eine Richtung auch eine Bestimmung. Denn eine Richtung ist immer eine Entscheidung für eine Richtung und damit gegen andere mögliche Richtungen. Ich ´bestimme´ mit (m)einer Entscheidung für eine Richtung ebendiese Richtung.

Wenn Bestimmung Richtung ist, Richtung Gerichtetheit und  Gerichtetheit eine Vorgabe, dann ist eine Vorgabe zugleich  Bestimmung.

Wenn ich weiters annehme es existierten innere Vorgaben, ob nun selbst ´hergestellt´ oder mit der Geburt auf die Welt gebracht, dann nehme ich also an, es existierte eine ´innere Bestimmung´, Richtung und Gerichtetheit.

Das ist ja dann mal ein ziemlich bedeutungsvolles und folgenreiches Menschen- und damit Schöpfungsbild.

Denn es geht vom Vorhandensein einer ´inneren Bestimmung´ aus.
Nur wenn ich von der Möglichkeit einer ´inneren Bestimmung´ ausgehe, kann ich von der Möglichkeit ´innerer Vorgaben´ ausgehen. Nur wenn ich von der Möglichkeit innerer Vorgaben ausgehe, kann ein von äußeren Vorgaben verschonter Lernprozess irgendwo hinführen !

Hier scheint mir klarzuwerden, dass nur ein Menschenbild, das vom Vorhandensein ´innerer Vorgaben´und damit einer ´inneren Bestimmung´ ausgeht, Sinn in einem von äußeren Vorgaben möglichst befreiten Lernen sehen kann.
Denn Lernen führt qua definitionem ja irgendwohin. Fiele nun die äußere Vorgabe weg, ohne dass es eine innere gäbe, so führte Lernen nirgendwo hin, und wäre somit kein Prozess, sondern allenfalls ein Zustand, und damit jedenfalls kein Lernen.

Da Lernen also Bewegung beinhaltet, Veränderung, beinhaltet Lernen auch eine Richtung, denn Bewegung ohne Richtung ist keine Bewegung, wie oft auch immer sich die Richtung während der Bewegung ändern mag.

Wer in der Lern-Bewegung seinen ´inneren Vorgaben´ folgt, folgt, in dieser Anschauung, seiner inneren Richtung und Bestimmung.

Freiheit als Qualität:
ist Freiheit „gut“ ?

Jetzt war ja oben die Rede davon, dass Freiheit als Qualität angesehen werden kann: die Freiheit von äußeren Vorgaben führe zur Freiheit, den inneren Vorgaben folgen zu können. Weiter schrieb ich oben von der Möglichkeit, diese Freiheit als Qualität anzusehen, mithin als „gut“. Wenn ich aber annehme, es sei „gut“, qualität- und sinnvoll den inneren Vorgaben zu folgen, so bedeutet das für mich auch, dass die inneren Vorgaben ´gut´ sind. Denn sonst könnte es ja nicht „gut“ sein, ihnen zu folgen. Welches Schöpfungs- und Menschenbild steckt aber hinter der Auffassung die dem Menschen eigenen inneren Vorgaben seien „gute“ ?

Letztlich steckt darin die Ansicht, der Mensch sei „gut“, wenn man ihn nur lässt. Er sei an Qualität orientiert, wenn man ihn nur seinen inneren Vorgaben folgen lässt und seine innere Bestimmung sei per se eine „gute“. Denn nur dann kann die Orientierung an den eigenen inneren Vorgaben gut sein, wenn diese inneren Vorgaben selbst „gut“ sind. Nur wenn „Gutes“ aus dem  Inneren auftaucht, wenn das beeinflussende Äußere wegfällt, nur dann kann die Freiheit von äußeren Vorgaben, die zu den inneren Vorgaben führt „gut“ sein.

Wie weit kann Lernfreiheit gehen ?

Oben begegnete mir auch die Frage, ob es denn eine totale Freiheit von äußeren Vorgaben im menschlichen Miteinander überhaupt geben kann. Die Hypothese liegt sicher nah und ist sicher leicht nachzuvollziehen, dass es eine solche vollkommene Freiheit von äußeren Vorgaben auf einem Planeten mit begrenztem Raum und begrenzten Ressourcen wohl kaum geben kann.

Zudem gibt es Einflüsse von außen nicht nur in Form von „Vorgaben“, sondern ja auch in Form von Verhalten anderer Menschen zum Lernenden.

Bildungsbegriff und Menschenbild

Die Frage, was Bildung sei, beinhaltet deswegen die Frage nach dem Menschenbild des nach Bildung Fragenden, weil im Begriff Bildung das Wort Bild steckt. Bildung wird auch verwendet sowohl im Sinne von „sich einem Bild annähern“ als auch von „sich ein Bild machen“. So kann Bildung als die Fähigkeit verstanden werden sich „ein Bild zu machen“ von einem Vorgang, von einer Tatsache, von Zusammenhängen. Zweitens kann Bildung verstanden werden, als ein Vorgang in dem jemand versucht sich einem Bild anzunähern, das er von sich oder etwas hat.

So kann der Bildungsbegriff sowohl einen Prozess beschreiben, in dem sich der sich Bildende einem Bild annähert, davon wie oder was er sein oder werden möchte, als auch einen Prozess, in dem sich der Gebildete sich selbst ein Bild des von ihm Wahrgenommenem macht. Aber wieso beinhaltet Bildung dann immer auch ein Menschen-Bild ?

Weil der Mensch es ist, der einem Bilde gleichzuwerden sucht und weil im zweiten Verständnis des Bildungsbegriffes es ebenfalls der Mensch ist, der sich ein Bild macht, von etwas. In beiden Verständnismöglichkeiten des Bildungsbegriffes ist es der Mensch, der blickt: entweder auf sein Idealbild oder auf seine Wahrnehmung.

Wenn aber der Mensch ein Bild als sein Idealbild akzeptiert und wenn der Mensch seine Wahrnehmung als solche akzeptiert, dann wird der Mensch als ein Lebewesen gesehen, das Ideale erkennen, benennen und auswählen kann. Und es wird zweitens der Mensch als ein Lebewesen gesehen, das seine Wahrnehmungen als seine Wahrnehmungen erkennen kann.

Wenn der Mensch nun als ein mit der Fähigkeit zur Idealisierung begabtes Wesen angesehen wird und außerdem als ein Wesen, das sich seiner Wahrnehmungen als solcher bewusst werden kann, dann wird der Mensch als ein Lebewesen mit (mindestens) diesen zwei Fähigkeiten angesehen. Und wenn der Mensch als Lebewesen mit Fähigkeiten angesehen wird, so basiert diese Zuschreibung auf einem Menschenbild, das dem Menschen Fähigkeiten zubilligt, oder das ihm zumindest die Fähigkeit zur Entwicklung dieser Fähigkeiten zubilligt.

Hier setzt ein weiterer Aspekt des Bildungsbegriffes an: Was bringt der Mensch schon mit, und was muss entwickelt werden ? Ja, bringt er vielmehr vielleicht schon alles mit, auch das, was von ihm allein noch weiter entwickelt werden kann ?

Freiheit im begrenzten Raum

Braucht der Mensch Vorgaben und Verhalten von anderen Menschen um zu „reifen“, um zu entwickeln, was in ihm steckt ?

Ich meine: ja.
Denn es gibt im Zwischenmenschlichen Vorgaben und Verhalten.
Also gehört zur „Bildung“ für mich auch, den Umgang mit Vorgaben anderer und dem Verhalten anderer zu lernen.

Wie aber steht es dann mit der Lernfreiheit des möglichst selbstbestimmt Lernenden ?

Selbstbestimmtes Lernen heißt für mich nicht: völlige Selbstbestimmung. Denn die kann es im menschlichen Zusammenleben nicht geben, alleine schon deshalb, weil wir alle unsere Grenzen haben, und einander damit notwendigerweise auch konfrontieren.

Es kann meines Erachtens aber durchaus ein Mehr und ein Weniger an Selbstbestimmung im Lernprozess geben.
Und es gibt meiner Beobachtung nach Menschen, die an einem zu Wenig an Selbstbestimmung im Lernprozsess „leiden“ und sich mehr Selbstbestimmung in ihrem Lernprozess wünschen.

Wenn es also weder eine völlige Freiheit von äußeren Vorgaben geben kann für den Lernenden, noch eine völlige Freiheit vom Verhalten der anderen für den Lernenden, dann ist ja immer noch die Frage möglich, wie denn die Vorgaben gestaltet werden, wenn sie schon unumgänglich sind, und wie denn das Verhalten gestaltet wird, mit dem der Lerndende von anderen konfrontiert wird, wenn ja auch die völlige Freiheit vom Verhalten anderer nicht möglich ist.

Ist Bildung auch:
der bewusste Umgang mit Vorgaben und Verhaltensweisen, die selbstbestimmtem Lernen dienlich sein können ?

Gibt es äußere Vorgaben, die dem dienlich sind, der gerne selbstbestimmter lernen möchte ?
Gibt es ein Verhalten, das dem dienlich ist, der gerne selbstbestimmter lernen möchte ?

Gibt es ein Verhalten des Lernenden, das seinem selbstbestimmten Lernen dienlich sein kann ?
Gibt es ein Verhalten des dem Lernenden Begegnenden oder ihn Begleitenden, das dem selbstbestimmten Lernen dienlich sein kann ?

Falls es solche dem selbstbestimmten Lernen dienliche Vorgaben gibt und falls es dem selbstbestimmten Lernen dienliches Verhalten gibt: Gehörte es dann vielleicht auch zur Bildung, um diese Form von Vorgaben zu wissen, und um diese Verhaltensformen, die selbstbestimmtem Lernen dienen können ?

Fortsetzung folgt.

2 Kommentare zu “1a) Was ist Bildung ?

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